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Thursday, March 31st, 2005
- peryton beim übertragen des ‘valparaiso‘-manuskriptes -
foto: berlin, 30. märz 2005
copyrights: peryton & thomas vallentin©
- peryton beim übertragen des ‘valparaiso‘-manuskriptes -
foto: berlin, 30. märz 2005
copyrights: peryton & thomas vallentin©
wo bist du, was machst du, was lähmt, was liegt, was
lass mich dir vom traum dieser nacht berichten, schweig-
ich wusste deinen namen nicht, vergessen war er, doch
und so lachten wir unser lachen von frischen kartoffeln
gilt, was hält, was quält sich und was treibt dich um?
die fragen wiegen schwerer, da du schweigst, seit ta-
gen schweigst und zeigst nicht, schweigst dich stumm
same, als das kanonenboot zeigte auf unseren garten an
den hängen, hoch über dem meer, hoch über dem hafen
dieser stadt, wo die sonne ohne unterlass scheint für alle
und für die armen mehr, sie scheint also für uns, sie scheint
auf valparaiso, wo die menschen über treppen zueinander
steigen, die gepflastert sind mit den rücken farbiger mu-
scheln, lebendig singend unter den sohlen, wie orgeln aus
viktorianischer zeit, die in der hitze des sonntags durch die
schmalschattigen gassen obszöne choräle röhren, wie an-
getrunken – me caga la puta! angetrunken schon im
mittagslicht! – trotz des kanonenauges haben wir gelacht
uns zugelacht, zähnezeigend, helles züngeln zwischen
flaumigen lippen, glänzend wie von imperialer zahnpasta
gemacht, die hier verwendung findet, um das silber rein
zu halten vom teer der zeit, jener, die im hafen lauert
jener, die am tage ruht, die nachts die aufzüge herauf-
knarrt, unabweisbar wie der geruch des tangs, die durch
mauerfugen kriecht, wie der beissende rauch von wein-
stockstümpfen: trunken machendes leben, im sterben
gift für alle, die durchflossen – so lachten wir auf unserem
stück garten über dem meer, hoch über dem hafen von
valparaiso
so sicher war, dass dieses lachen dir gehörte, da ich dei-
nen geruch kenne, von zitronen und pfeffer, so gut kenne
ich ihn, aufgesogen in tausend nächten der liebe, an tau-
send tagen des schmerzes, aufgesogen, fortgeküsst im
schweiss auf deiner stirn, wenn träume dich rufen liessen
nach mir, dass dein ruf mir folgte, schneller als mein blut
mein herz erreichte, immer, auch an den entferntesten
polen und mich weckte; immer war ich im allernächsten
augenblick bei dir, ich küsste deine augen bis sie ruhiger
wanderten, küsste die nelken auf deiner brust, bis dein
atem zurückfloss wie das meer bei flut, dass du zurück-
kamst zu mir, jedes mal, müde und nackt lagst du, hin-
gespült vom traum, verwirbelt, verwirrt, verlassen, liegen-
gelassen, hingegeben, wie die welle den sand verlässt
bei ebbe nicht ohne ein geschenk – so hast du dagelegen
viele male; von daher kenne ich deinen geruch
und tomaten über den hafen von valparaiso hinweg, an-
gesichtig eines kanonenbootes, das eine welt bedrohen
kann, aber nicht die unsere, nicht die geckos auf den
fenstersteinen, nicht unsere liebe im traum, nicht dein
lachen und nicht meines, und als ich dich in den schatten
ziehen wollte – puta madre! – angeschwollen von lust, wie
es am sonntag üblich ist, bist du entschwunden, entglitten
in fremde schatten, einen traum vielleicht, zerflossen wie
eine fatamorgana des nichts, wie zucker im kaffee: fort
und nicht fort – hast mich sitzengelassen, elegant und
verschwitzt wie ich war, ein echter macho, ein gaucho
heiss wie ein stier oder ehrlicher gesagt: wie eine schild-
kröte im angesicht ihres endes, zwischen zähnenbespick-
ten kiefern eines hungrigen katers, entschlossen zu über-
dauern, dort, zwischen öligen fässern, dort, zwischen
kisten und ballen, dort, zwischen stein und schuppen und
salz, dort, im hafen von valparaiso
für pablo, für julia, für katja und
für co, die liebe meiner träume -
der träume und der liebe wegen
- I -
eine selbstbewusste antwort: ich
kann mich besser ertragen, in deiner nähe
- II - heute, dagegen, bin ich. etwas. zurück
gestern ohne unterlass getrunken gespielt gelacht
gesprochen geraucht gewesen gelebt
gezogen
- III -
noch eine antwort: ich
kann dich besser ertragen, in meiner erinnerung
da sind jene, die fallen mit
da sind jene, die aufrecht
mein auge sucht nach worten
dem wind im herbst, sagt sie
sie sind die blätter. und
bleiben, immer
unbestimmbar bis ins ziel
sagt sie, das sind die sterne
unter den menschen
zwischen ihren lippen, sucht
was scheu im schatten spielt
aufglimmt und verglüht: ein
lächeln, die spur der sehnsucht
unendlicher suche nach licht
foto: tattoo. tangermünde, 26. märz 2005
am hafen spielten gestern kinder. sie kickten einen ball ich lief durch sie hindurch und lachte, als ihr taubes spiel- sie sehen aus wie in schlechten filmen, also wie in echt sie werfen steine ins wasser über die linie meines rückwegs am hafen spielen kinder mit dem ball am hafen spielen nazis zwischen den ruinen. ich schätzte
gegen die wand des toten schuppens, sie starrten, als ich
barfuss näher kam, sie sprachen unverständlich, riefen sich
zeug in der rinne eines vordachs, recht weit oben, hängen
blieb
: dickliche hemden unter vollmondköpfen. sie starren, als
ich in ihrer nähe stehen bleibe, um mit meiner kamera den
abend einzufangen, der schöne augen macht, am rand des
hafenbeckens, gegenüber. sie starren, als ich kniee, um ein
objektiv zu wechseln, einen film – sie spielen nicht mehr
hinweg; ich gehe – dennoch – durch sie hindurch. die
steine der fünf folgen mir. als ich, stehengeblieben, mich
ihnen zu wende, schauen sie weg: die haben immer
angst, weil sie klein sind
sie spielen manchmal auch mit steinen
sie auf zwanzig jahre. unbeachtet fühlen sie sich wohl
stolz, könnt ihr sein, auf eure kinder. stolz könnt ihr
sein, dass sie gelehrig sind. morgen spielen sie mit
messern, so wie ihr, spielen mit panzern und
bomben. stolz, könnt ihr sein, wie gelehrig sie sind
wellen treiben im fluss, wie
fühle ich mich wohl -
frühe inventur im ersten
fühle ich mich wohl
eins im klang oder -
zerborstene häuser warten ja. sie weinen
wellen treiben, vom kali
krustig, braun von versunkenen
ufern. in ihren schatten wohnen
zerborstene häuser. hier
wie hingeworfen, achtlos
nachtschatten gleich den
wellen
licht, denk doch: kein tag
ohne dich. denkschatten
schreckenschatten
mauerschatten. hier
hingeworfen, angekommen
wartend, gleich der nacht, dem
ufer, der brücke auf einen schritt
hinüber, um komplett zu werden, eins
wie mein regen, der
an deine fenster schlägt
hilflos, aber stet
an unseren ufern, wartend
wartend. ziegel entfallen müden
augenhöhlen und zerspringen; höre
: mit einem seufzen
foto: magdeburg, 24. märz 2005
sterben will ich, manchmal
kalte sonne, scheine nicht für mich
sterben; bis dahin
in den nächten fliehn
so war es nie – und doch, so
war, so ist es noch: cosima
scheine nicht und lass
dem morgen entgegen
weinend: lebende träume
vom abschied
am morgen, später, per telefon die nachricht, dass mein
universitätskollege dr. ernst-walter reiche gestorben ist. ich
war auf dem weg zu ihm. ein trauriger tag, atemnehmend
frankfurt, 14. märz 2005. besuch beim freund und
kollegen pablo ardouin, zurückgekehrt von seiner
winterreise, beschwert von sehnsucht, erleichtert
vom schmerz notwendiger erfahrung, wohl gebräunt
von der chilenischen sonne
- pablo ardouin -
mancher traum muss ausgeträumt sein, bis ans
dann, freund, dann zu sagen ‘noch einmal’, das
vielleicht wäre das mutig
ende, erwachend im schrecken, erwachend im an-
gesicht der araukarien, der weissen felsen, dort
wo der himmel ist, wie das meer: ohne wolken
wäre mutig
foto: frankfurt, 14. märz 2005
marburg, 13. märz 2005. ein café am ufer der lahn. war-
ten auf volker bradke, der sich verspätet
augenfällig: blaue hose, lotternd, baumwollhemd, grün
ich: wie siehst du denn aus?
es ist warm hier drin, doch er wird nicht ablegen. ge-
er: ich saufe nicht. ich trinke gern mal ein bier
ein wollschal, schamott, fleckig, eng um den hals ge-
wunden, abgeratzte lederjacke, braun, ein unrasier-
tes lachen, laut, breit, eine schwarze wollmütze, in die
stirn gezogen
er: wie soll ich denn aussehen?
ich: na – so
trunken hat er, in der letzten nacht; unmittelbar ge-
raten wir in streit
an einem der nachbartische schnorrt er die zweite
erkältet sei er, von daher komme seine erotische
vergessen scheint das vergangene jahr der exzesse
dann lacht er, wirft die arme auf, weit nach hinten
zigarette
stimme, sagt er und niest
und der abstürze, der entgiftung, des entzugs, der
nachfolgenden exzesse. wir streiten. er nennt mich
einen dummkopf, springt auf: ich bin agil wie vor fünf-
unddreissig jahren
nein, ich folge ihm nicht in die kleine wohnung, um er: ciao bambino
seine neusten arbeiten zu hören, die mir längst be-
kannt sind
fotos: besuch bei volker bradke
marburg, 13. märz 2005
das vorerst letzte stück zum download und hinein-
schnuppern in das aktuelle cd-projekt: die musika-
lische bearbeitung eines gedichtes
und ich danke euch für die vielen zuschriften: nein, ich
fühle mich dadurch nicht gestört oder belästigt, ja, eure
persönlichen kommentare interessieren mich, ja, ich
antworte immer und nein, allzu persönliches gebe ich
nicht von mir preis, das ist sicher nachvollziehbar
marburg, 14. märz 2005. volker bradke getroffen
du hast gesoffen, sage ich
was heisst denn hier gesoffen, schreit er mich an, am
sage mir nicht, was ich tun oder lassen soll, schreit er
morgen – nein: es war mittag – in einem marburger café
weiter, seit gestern bin ich alt genug
also; wir haben gestritten, kaum, dass wir uns trafen
kein photo heute, bitte, sagt er zum abschied. und, fast
möchte ich es zart nennen, flehend: ich hab dich lieb, ehr-
lich, sonst würde ich deine kitschmusik nicht mögen
lang gelebt
und so trennen sich die wege
fast wie von selbst
lang gekämpft
lang gedacht
lang geschrieben
lang geblieben
lang verstiegen
lang getrieben
lang gewesen
lang geträumt
(ach nein; eher selten)
lang gesoffen
vom selbst
traurig für volker bradke
(frankfurt/main, 15. märz 2005)
‘dreizehn farben’, sagte sie, nach da fanden sich freunde und freund- ein einsames fest würde es ge-
ihren liebsten wünschen gefragt
innen zum kreis, ratschlagend, wie
sie wohl zu beglücken sei: aquarell-
oder öl-, mauerfarben, gar puder
für den augenschatten? mit den
farben des firmamentes hätten sie
das rätsel beinahe gelöst. doch wie
extrahieren, wie ausziehen, wie
verpacken zum geschenk? weitere
insistierende fragen unmöglich, so
beschieden die freundInnen, weil
sich liebende wunsch und bedarf
erkennen, ohne das laute wort
worden sein; die dreizehn farben
des wir, ihr traurigen narren, ihr
schamvollen, blieben auch diesmal
ungehört. so zog sie weiter, wie
stets, und ohne den abschied
neulich der hoffnung müde, wand ich in dem wärme gibt er mir
ist ein boot gestrandet
an meinem niemands ufer
die augen ab und lief
zurück zum wald
ein ofen steht
inmitten einer hütte
und spricht
dabei
neulich ich führte mein landschiff durch klippen
zog ich alle segel auf wie
transparente gegen euren krieg
und brandung hinaus, erneut hinaus
auf die bewegte see
lasst ab; niemand der sich vereinen will, seit je
kennt die geographie meiner
meere so sicher, wie der stete wind
mit den wellen, doch
ebenso: vergebens
habt ihr gehört, was die vögel sich zuschreien?
‘es ist geschafft’, sagen sie
- wunderlachen -
ein ‘danke ganz artig und lieb’ für die viele post. das
aber war das echt schon alles, was an lösungsvor-
soweit ich weiss, habt ihr noch ein paar tage zeit … na
tat gut
schlägen bei mir einging, für das preisbewusst-rätsel?
los, ihr triefnasen – hoch mit den trägen hinterteilen und
her mit euren lösungen!!!
foto: magdeburg, 01. januar 2005