Archive for Dezember, 2005

[ irreal ]

Samstag, Dezember 31st, 2005


 


an jedem dieser bahnhöfe habe ich bereits
auf dich gewartet. ich bin der dort sitzt, der
dort friert, der dort gespräche mit den tau-
ben führt oder mit fremden, die den fehler
machen, sich zu mir auf meine bank zu set-
zen. er wird ein teil meiner geschichte sein

 

die landschaft wird auf leinwänden vorbei-
gezogen, in strommastenschnitten flimmert
das bild, kino ohne ton in falschen farben

ich fahre nie mit dem zug; du kannst nicht
anhalten. erstes kapitel: marseille, zweites
kapitel aix en provence. drittes … aber du
kannst nicht anhalten. berge bilden kulissen
für bäume. für häuser. chalets. vorne bäu-
me, häuser, friedhöfe. dahinter landschafts-
hintergrundleinwand. immer so. niemals an-
ders

die häuser haben leere augen, scheinen
wintertot. tote gärten, tote hecken, tote stras-
sen. die dörfer am ende dieser strassen wer-
den von schienen berührt. aber du hälst dort
nicht an. aber du willst nicht wissen, wie die
luft schmeckt im ‚café à la gare‘ in nichts, wo
kein mensch wartet, einzig dein spiegelbild
in der getönten scheibe, das immer nur dir
selbst entgegenstarrt. du willst gar nicht an-
halten. deshalb fahre ich nie zug. deshalb ist
all das irreal

dass ich dir erzähle von mir und meinen rei-
sen. irreal. dass ich mich nach dir sehne. dass
dieses gefühl mich unruhig hält. irreal. dass ich
nicht auf dem weg zu dir und dennoch auf der
reise bin, immer weiter. dass ich dir erzähle
ohne dein ohr zu finden. oder dein herz. dass
ich erzähle dir, von dir, von mir, von augenblik-
ken, die niemals wirklichkeit gewesen sind aus-
serhalb meines erschöpfenden herzens

aber ich erkenne sie wieder: an jedem die-
ser bahnhöfe habe ich auf dich gewartet, ge-
stern, auf einer bank sitzend, und falls sich
ein reisender in meine nähe setzt, werde ich
von dir erzählen. werde anhalten, in den land-
schaften spazieren gehen wie in meiner erinne-
rung. werde erzählen von uns beiden, bis ich
ausgeschöpft bin, ein leerer bach bin, eine
blaue träne, ein vergessener tropfen atem
ganz nah an deinem mund, fortgeblasen
 

foto: gare maritime und port de la
joliette

marseille, 16. dezember 2005


[ die pinien ]

Freitag, Dezember 30th, 2005


 

das meer schickt seine schatten durch
die nacht. sie branden an. sie wispern. sie
seufzen. ich kann sie hören, weil der wind
herüber weht vom strand, bevor er
schwarz hernieder sinkt am fusse
der pinien

das meer schickt seine schatten durch
die nacht. ich kann sie hören. sie seufzen. sie
kratzen mit krallen wie mit klingen. steine
rollen sich in ihren kehlen rund. sie legen ab
die leinen. sie legen jahre zu den anderen. sie
werfen sich hin wie blätter, wie blätter werfen
sie sich hin in ihre schatten. sie legen sich
nieder am fusse der pinien

schwarz stehen die bäume
vor einem himmel. schwarz. sie
wiegen sich im schlaf. höre: sie
schlafen. endlich schlafen sie
 

foto: blick über vauban nach osten
marseille, 19. dezember 2005


[ anfrage wegen jagdunwesens ]

Donnerstag, Dezember 29th, 2005


to: b+n@xxx.net
date: thu, 08 dec 2005 18:23:35 +0100
subject: re: jagdrecht in nrw – wer kann uns helfen?
reply to: info@peryton.de

hallo b., hallo n.

ich verstehe sehr wohl eure empörung, nicht aber die
konsequenzen, die ihr persönlich daraus ziehen wollt,
nachdem ihr wortreich ‚luft abgelassen‘ habt

ihr schreibt:

„wir wollen keinen gerichtlich-juristischen streit vom
zaun brechen. da haben wir keine lust zu. aber: wir
wollen erreichen, dass die jäger auch unsere sorgen
und nöte ernst nehmen und uns gefälligst das nächste
mal rechtzeitig informieren, damit wir unsere freigän-
ger-katzen entsprechend ‚einholen‘ können. und wir
wollen, dass unser recht auf privatsphäre geachtet
sowie unser leben nicht in gefahr gebracht wird durch
umherballernde jäger, die sich darum offenbar keinen
kopf machen“

ihr werdet erkennen müssen, dass das staatssystem, in
dem ihr lebt, allgemein wenig freiraum für privatsphäre
lässt und wenn die ’staatsraison‘ es für nötig erachtet
auch gar keine; wenn ihr das geändert sehen wollt, müsst
ihr schon mehr tun, als streit zu vermeiden

zumal es beim von euch kritisierten verhalten der jagen-
den um grundsätzlicheres geht, als um eurer privates
glück bzw. ‚unser leben‘ und/oder nur das leben ‚eurer‘
katzen. jährlich werden in deutschland im zuge ganz nor-
malen jagdlichen treibens etwa 5 millionen tiere umge-
bracht. wie steht es denn damit? unwichtig?

oder soll ich eure anfrage so verstehen, das ihr eigent-
lich
etwas ändern wollt, aber das beklagte euch doch
nicht so beleidigt, dass das argument des ‚da haben wir
keine lust zu‘ ausreicht, eure höchstpersönliche ausein-
andersetzung an andere zu deligieren? (‚wir‘ sollen da
‚lust zu‘ haben???) auch dies kann ich mit einem klaren
’nein‘ beantworten: ich gehöre keiner partei an. das ge-
baren einer lobbydemokratie liegt mir fern – das vertreten
rein privater interessen ebenso

ich selbst kann euch daher nicht weiterhelfen. ihr habt
signalisiert, dass euch an einer änderung des grundsätz-
lichen nicht gelegen ist. wohl sieht das europäische recht
das übergreifen deutschen jagdrechts in das eigentums-
recht als unrechtmässig an – um diesen juristischen
missstand zu verändern, müsstet ihr aber auf juristisch-
em wege euren ‚heimatstaat‘ dazu zwingen, das überge-
ordnet geltende europäische recht anzuerkennen. aber
ihr wollt ja keinen streit

wenn die jäger das nächste mal über euer grundstück
laufen, wisst ihr also, dass sie das eigentlich nicht
dürfen – unabhängig davon, nein sogar im widerspruch
dazu, was euch die polizisten fälschlicherweise gesagt
haben (aber das tun die, wie ich euch versichern kann, in
99% der fälle) – zumal ihr sogar ein hausverbot erteilt
habt. (ob das allerdings juristisch durchsetzbar ist …
ernster zu nehmen ist vermutlich die tatsache, dass
gegen euren willen bewaffnete menschen euer grund-
stück betreten haben, womit der landfrieden in schwerer
weise gebrochen sein könnte. das ist juristisch wahr-
scheinlich viel interessanter) … aber selbst im besag-
ten wiederholungsfalle wäre mehr engagement von-
nöten, als jenes der konfliktvermeidung

kurz: demokratie fusst auf dem konstruktiven streit. und
freiheit ist ein sagenumwobenes ideal, das zu leben erst
möglich wird, wenn ich mir meinen eigenen standpunkt …
erstritten habe

ich denke, die wichtigsten fragen wurden euch beantwor-
tet, ich habe diese email aber an andere (tolerantere) mit
dem thema ‚jagd‘ vertraute weitergeleitet – und wünsche
euch alles erreichbare glück auf euren weiteren wegen

georg hemprich (peryton)


[ unscharf II ]

Mittwoch, Dezember 28th, 2005


 

das unscharfe sehen reduziert auf
wesentliches; beredt allein ist das
verschwiegene

so schweige mir, müsste ich for-
dern; fürchte aber, dass du nicht
verstehst

träume mir, sage ich also, sicher
dir zu begegnen: ich täusche mich
von herzen
 

foto: unscharf (II)
köln, 25. november 2005


[ am place des moulins ]

Dienstag, Dezember 27th, 2005

eine ruhe liegt in den häuserschatten, die
mich niedersetzen lässt auf den schmalen
trottoir. meinen rücken gegen die sonnen-
warme hauswand gestemmt, richte ich
das schwere teleobjektiv der kamera in
den himmel, lasse die schweigenden möwen
im focus vorüberziehen ohne eine regung

die alten platanen halten ihre kahlen arme
ausgebreitet, bewahrend, so tragen sie die
stille

als ich weitergehe, taumelt ein ball vor mei-
ne füsse, ein kind springt hinterher. ich
trete den ball in seine richtung zurück, er
prallt gegen ein geparktes auto. das kind
erwidert meinen schuss, trifft ebenso ein
auto. ai, sagen wir gleichzeitig und lachen
uns an

auf der treppe abwärts blutlachen, rubin-
rot mit schwarzen rändern. deja vu


[ aller simple ]

Montag, Dezember 26th, 2005


 

ölschwere wärme. stampfen der maschinen. dröh-
nen. vibrieren. die passagiere scheinen in leuchten-
der erwartung, obwohl diese fahrt nur augenblicke
dauert – dennoch erinnert alles an eine schiffspas-
sage über die ostsee, sechzehn jahre zurück. ab-
surd, denke ich

kaum losgelassen, schrammt der bug ans andere
ufer. kinder drängen als erste von bord, ein jungen-
mutsprung über den sich schliessenden graben, blick
zurück, siegessicher und in erwartung mahnender
worte, die ausbleiben

die tür schwingt zurück, mir entgegen, ich erschrek-
ke, ahne dich dort unter den wartenden, die nach-
mittagssonne im haar, eine strähne fällt übers
gesicht herab, augen halb geschlossen gegen das
licht, den steten vorwurf im blick, doch irgendwo-
hin an mir vorbei: was willst du hier. nein

nein. appel un chat un chat: du bleibst ein traum


[ bof! noël éléctrique ]

Sonntag, Dezember 25th, 2005


 

die engel tragen falschen pelz und lack, sie lassen sich
bezahlen für das halleluja in den billigeren strassen
der cités, hart am rand, wo es keine märchen mehr
gibt, wo papa noël wie ein dieb in bröckelnden fassa-
den hängt

der weihnachtsbaum trägt rote plastiknadeln, die
tragen falschen schnee. die städte auf dem land
die dörfer eifern um den ersten rang quälenden
geschmacks: es blinkt und glitzert in girlanden, aus
lichterketten über strassenbreiten in elektrischen
kaskaden aller farben – marseille aber, die stolze
stadt am meer, hält edel sich zurück

wer seine ‚gratification de noël’° rechtzeitig ausbe-
zahlt bekam, der treibt über die nebenstrassen der
canebière, der prachtstrasse, der champs-elysées
des südens, geleitet von glocken der heilsarmee, vom
klagen der akkordeons, dem duft gebrannter man-
deln, lärmenden lockgeräuschen hell erleuchteter
ladengeschäfte, der schiebt sich durch die tempel des
lichts, getrieben von der hoffnung auf wenige bro-
samen unerschwinglichen konsums

vielleicht treibt er weiter zum alten hafen, setzt sein
kind ins karussell, leistet sich das rundenvergnügen
auf einer eislaufbahn, mühsam knöcheltiefen kunst-
schnee fuss vor fuss voranschiebend: marseille nimmt
das absonderliche als ein fest

bof! sagt der wagenbesitzer, rückt den zerknitterten
kotflügel in eine ihm akzeptable lage zurück. bof!
junge männer finden sich in chourmo-gruppen, tre-
ten einen ball oder zerspielen autoscheiben. bof! sagt
die cafébesucherin, auf deren po eine männerhand
klatschend zu liegen kommt – und lacht. bof! sagt
der clochard, der ein plakat entziffert, das tausend
euro strafe jedermann verspricht, der öffentlich in
strassen uriniert. bof! sage ich, als ich erneut in
hundescheisse trete – und sehne mich nach regen

hoch über allen lichtern dieser stadt erhängte papa
noël sich an balkonen


° – weihnachtliche sonderzahlung der staatlichen sozialkasse

 

foto: basilique notre dame de la garde über dem
roucas blanc

marseille, 19. dezember 2005


[ bekanntschaften III ]

Samstag, Dezember 24th, 2005


 

du gingst an mir vorüber
in meinem traum, ohne
zeichen des erkennens

du trugst die nacht
um deine schultern gelegt
als einen mantel

löschtest die lichter aus
mit jedem schritt

vergisst du mich? rief
ich, vergisst du mich?

aber du hattest das
schweigen über meine worte
geschlagen

das band sie fest zu einem
bündel stroh, dorre blumen
des sommers
 

foto: am hotel de ville
marseille, 18. dezember 2005


[ non, maman! ]

Freitag, Dezember 23rd, 2005

non. non. non … écoute: j’ai dit non, maman!

als ich den platz erreiche, höre ich erst sein
schimpfen, dann sehe ich ihn, auf und ab
laufend, ein ‚mobile‘ am ohr, sich mit jedem
ausruf energisch vorbeugend, als ob sie seine
worte dadurch besser verstehen könne und
wahrnehmen

ich schätze ihn auf ende dreissig. und strebe
an ihm vorbei einem strassencafé zu, vor dem
ein sonnenplatz frei geworden ist. bestelle ei-
nen kaffee, schlage das mitgebrachte exem-
plar der ‚flensburger hefte‘ auf, in dem rudolf
steiner, der begründer der anthroposophie zi-
tiert ist im wortreichen versuch, die steiner-
schen lehren vom geruch der unterstellten
nähe zum faschismus zu befreien


„Das französische ist das am wenigsten le-
bensfähige Element unter der romanischen
Bevölkerung Europas. Nun ist nicht zum we-
nigsten diese ganze Dekadenzerscheinung in-
nerhalb der französischen Volkskultur in der
Sprache deutlich bemerkbar [ … ] Sie wäre
diejenige, in der man, wenn ich mich paradox
aussprechen darf, in der ehrlichsten Weise
am leichtesten lügen kann. Sie eignet sich am
leichtesten dazu, dass man in der unbefangen-
sten, ehrlichsten Weise am meisten lügen
kann, weil sie keine rechte Verbindung mehr
hat mit der Innerlichkeit des Menschen.“

rudolf steiner (1923) – in: ‚flensburger hefte‘, heft 41
(6/93), s. 18 f. flensburger hefte verlag: flensburg (1993)


„Korrumpiert wird die Seele ganz sicher durch
den Gebrauch der französischen Sprache.“

rudolf steiner (1923) – (op. cit., s. 87)

vermutlich, herr steiner-unter-der-erde-und-
das-ist-gut-so, liebt meine verlogen-verruchte
künstlerseele gerade diese sprache mit ihren
speziellen ausdrucksmöglichkeiten emotiona-
ler kraft. oder sollte ich mich – ihro deutlich-
keit wegen – anthroposophischer sprachbelie-
bigkeit dergestalt bedienen: der wesenskörper
dieser sprache formte sich aus in welten-geist-
es-lichter einswerdung von herzenswärme und
seelenklang …?

aber zurück ins leben: ich sitze im dezember
2005 vor einem strassencafé am cours julien
(marseille) und schäme mich für bis heute am
leben gehaltene worte eines irren rassisten


„Wir leben heute im 4. Formzustand des 4.
Lebenszustandes des 4. Bewusstseinszustan-
des, also im 172. Formzustand von 343 mög-
lichen. Dies ist genau die Mitte der gesamten
Welten- bzw. Erdenentwicklung. Jeder Form-
zustand birgt in sich wiederum 7 sogenannte
Wurzelrassen bzw. Hauptzeiträume. Inner-
halb des 172. Formzustands sind dies die po-
larische, die hyperboräische, die lemurische, die
atlantische, die heutige Wurzelrasse (nachat-
lantische, auch arische genannt) sowie eine
kommende 6. und 7. Wurzelrasse.“

wolfgang weirauch (1993) – (op. cit., s. 57)

manche sätze müssen zitiert, öffentlich ge-
macht werden, um sie im licht der öffentlich-
keit ihrer absurden lächerlichkeit preis zu ge-
ben

„wie“ also – frage ich, den geistesführer zitier-
end, dem sich auf so unerklärbare weise men-
schen aller bildungsgrade selbst in der heuti-
gen zeit noch zu füssen werfen – „erlangt man
erkenntnisse der höheren welten?“

… monsieur? encore un café, s’il vous plaît! …

[ gärten der sehnsucht ]

Donnerstag, Dezember 22nd, 2005


 

wie oft werden uns die türen geöffnet
schlurfen wir mit schmutzigen sohlen
über rote teppiche, neben den paravan
spuckend, hinter dem das unberührte
fiebert, die herzstücke unserer kind
heit achtlos vom fenstersims nehmend

nichts ahnend, nichts wissend, achtlos
und mit groben händen eine neue spur
in den staub ziehend

ohne gruss verlassen wir die gärten der
sehnsucht, im vorübergehen ein schnek
kenhaus pflückend, zur erinnerung, das
in den manteltaschen ohne nachhall
brechen wird wie die erste

liebe

wie oft sind wir die räuber einer ganzen
zeit. und hinter dem paravan weint deine
puppe mit dem porzellangesicht tränen
los dem abschied entgegen
 

foto: tangermünde, 26. märz 2005
 

weitere fotos aus der reihe ‚carpe diem‘:
’nachttresen‘, ‚ablenkung‘, ‚eastern star‘
‚tresenschach‘, ‚tattoo‘, ‚inventur‘


[ bekanntschaften II ]

Mittwoch, Dezember 21st, 2005


 

und als ich jene hausecke an der ‚rue paradis‘
erreichte, durchbebte mich ein augenblicks-
fieber, als ob du an meiner seite gingest, nach
meiner hand greifend: schau doch mal

so habe ich dich wiedergefunden, fern von
traurigkeit, in den strassen dieser stadt, in
die ich verliebt bin, ungeachtet meiner un-
zulänglichkeiten zu verstehn
 

foto: vieux port
marseille, 18. dezember 2005


[ bekanntschaften I ]

Dienstag, Dezember 20th, 2005


 

einige strassen sind mir so vertraut, dass ich
mich auf das wiedersehen freute wie auf alte
bekannte; ich ändere die route meiner fussläu-
figen exkursionen, um neue hinzu zu gewinnen

auch worte kehren wieder, zögernd noch, je-
den tag ein paar mehr: als lernte ich sprechen
 

foto: rue saint francois d’assise
marseille, 19. dezember 2005


[ les fous ]

Montag, Dezember 19th, 2005


 

ob ihm nicht kalt sei, fragte die mandelverkäu-
ferin mit leisem ruf des erstaunens, auf die
nackten füsse meines begleiters weisend. il est
fou, antwortete ich, selber barfuss

(es ist bitterkalt, obwohl der mistral die stadt
wieder verlassen hat, morgens gegen halb
sechs, so sagt man)
 

foto: unter dem bahnhof saint charles
marseille, 18. dezember 2005


[ dimanche ]

Montag, Dezember 19th, 2005


 

marktstände am cours julien. ich stehle augenblicke
über schultern. dort ein lachen, handeln, tausch. ei-
ne frage, die sich ahnen lässt. begegnung. farbige
tücher fangen die sonne, glasperlen werfen sie zu-
rück ins blau. finger gleiten über stoffe, hüte wer-
den auf- und abgesetzt, man dreht sich vor spie-
geln, prüft, wägt. ça fait combien?

wachsame augen, sehnsüchtige hände. lippen oh-
ne wort. ein feuerzeug wirft funken in der höhle
einer hand

blicke finden sich, weichen voreinander aus wie
schritte. einen voran, stehen. verweilen im hauch
des andern. gehen, vergessen

eine wärmende tasse tee, atemnebel steigt, die
gleissende nachmittagssonne ist eine strassen-
katze, streicht über dächergiebel, wirft herab die
losen schornsteinschatten
 

foto: am cours julien
marseille, 18. dezember 2005


[ chatte ]

Sonntag, Dezember 18th, 2005

der mistral riss an den fensterläden. dennoch verschlief ich
den vollmond, unruhig in verworrenen träumen, obwohl ich
hierher gekommen bin, ruhe zu finden
 

erst, als wir bereits an der kleinen strasse vorüber gefahren
waren – ‚la deuxième rue a droite‘ -, erkannten wir, dass wir
das gesuchte dorf erreicht hatten (habt ihr ein ortsschild
gesehen?) und verstanden den zusatz in der wegbeschrei-
bung, der unser scheitern vorweggenommen hatte: ’si vous
loupez la rue …‘

‚la chatte‘ lässt sich weniger mit ‚katze‘ übersetzen (wovon
ich, naiv und des französischen nicht kundig, ausgegangen
war), als vielmehr mit ‚muschi‘ – in einem anderem wortsin-
ne also, plus vulgaire

mein kameraauge, am nächsten morgen unter obskursten
weihnachtsdekorationen unterwegs, um – für einen speziel-
len gruss an dich – das heraushebend-eigene dieses dorfes
mit dem eigentümlichen namen festzuhalten, fand aber we-
der eine katze noch … une chatte


[ gestern komet ]

Samstag, Dezember 17th, 2005


 

aus schweren koffern tropft nicht immer
blut. manch zögern lohnt das warten. die
langeweile ist ein wort der
zeit

der kopf ein schwarzes loch, das herz
ist eine sonne. ihr umeinanderkreisen
dehnt uns eine die welt und ein komet
verbirgt sich hinter farben

du, gestern komet. und morgen?
 

scan: postkarte von gottfried schlögl (ca. 1988)


[ die waffen gestreckt in literaturkritischer demut ]

Freitag, Dezember 16th, 2005

zeitdogmatisch: eckhard henscheid im feuilleton der ‚zeit‘
über „john lennons song »imagine« in literaturkritischer
hinsicht“

„(…) Dies ist so weit bekannt und seit spätestens 1963 kanonisch. Der wortmelodiöse Duktus etwa von Revolution, dito Help oder aber eben Imagine evoziert bekanntlich die harmonistischen Assonanzen der Renaissance-Lyrik wie die oft mehr disharmonischen Konkordanzen der viktorianischen Romantik, er konkludiert Moderne mit antizipierter Postmoderne, indem er deren hochpoetische Katachresen als stupend kataraktische Katastrophen ins Archiv der nationalen wie der Weltpoesie katapultiert (…)“ – zitiert aus: ‚die zeit‘ (no. 50/08. dezember 2005)

da klingelt nichts mehr: dröhnen tut’s, das kluge wort und ‚zeit‘-
gemäss ist dies gewiss – sogar satire wird zum würgemahl für
jenen, den nicht der stolz des bildungsbürgers vor dem mor-
gendlichen spiegel bläht (und dann im kollegialen kreis am mit-
tagstisch): wir sind doch wer. es zählt das wort – ein guter mann!
ein fleiss’ger türmer! – doch ist das los des eremiten, dass er
stets einsam glücklich ist und seine welt betrachtet aus der
ferne. und angstvoll nur bis an den horizont der ‚zeit‘


[ im focus: michael krauß ]

Donnerstag, Dezember 15th, 2005


 

mit unermüdlichen händen, mit kunstvoller liebe, mit lehm und
stroh, mit holz, mit fresken in versteckten ecken hat er das alte
fachwerkhaus erneut ins leben geweckt, gab ihm mit lesecafé
und antiquariat neue, zeitgemässe aufgaben: michael krauß
 

anlässlich der eröffnung gibt peryton am 30. juni 2006 ein konzert
georg hemprich (solo) mit dem programm „chanson & lyrik“

wir freuen uns darauf
 

foto: im focus: michael krauß
tangermünde, 29. november 2005


[ davongekommen ]

Mittwoch, Dezember 14th, 2005

entschuldige, sage ich, zur seite tretend und weiche so
einer nebelkrähe aus, die schimpfend auf dem fussweg
entgegenkommt

zurückgekehrt stelle ich fest, dass die dächer der um-
stehend geparkten autos mit schlierigem vogelkot zer-
schissen sind. ausser bei meinem

höflichkeit zahlt sich eben manchmal aus


[ kosmetik ]

Montag, Dezember 12th, 2005

wie schön ist das leben. oder wie grau ein morgen

die scheiben waren beschlagen, der wecker quengelte. ar-
beitskleidung zusammensuchen, handtuch einpacken, unter
die dusche, das morgendliche obst. einen kaffee? später. es
wird nicht angenehm sein, kopfüber den kranken huf zu hal-
ten, wenn regen hinter die brillengläser sprüht, sand tropft
aus dem fell, das nasse werkzeug aus den fingern gleitet; die
zerschnittenen handschuhe halten nicht, wärmen nicht

aber dann wird die fremde arbeit getan sein, das tier wird
sich wohler fühlen, erleichtert (das ist eines der bilder, die wir
uns machen, um zu rechtfertigen, was wir tun: kosmetik), ich
werde meine kleider gewechselt haben, wir werden uns gegen-
über sitzen, kaffee trinken, von gestern sprechen, von morgen

es wird ein wenig sein wie früher