{"id":421,"date":"2006-03-21T16:37:32","date_gmt":"2006-03-21T15:37:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.peryton.de\/blog\/?p=421"},"modified":"2024-05-13T17:52:49","modified_gmt":"2024-05-13T16:52:49","slug":"das-orakel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.peryton.de\/blog\/?p=421","title":{"rendered":"[ das orakel ]"},"content":{"rendered":"<p><font color=\"#000010\"><\/p>\n<p align=left>\nmit dem fl\u00fcgelschlag der taube drang das ger\u00e4usch des regens<br \/>\nin meinen traum, weckte mich mit den tr\u00e4nen des allh\u00f6chsten<br \/>\nhimmels, traurig weitertr\u00e4umend den alb vom orakel<\/p>\n<p align=left>\nsie war eine zerknitterte alte frau, damals schon, obwohl in der<br \/>\nsogenannten bl\u00fcte ihrer jahre stehend, verlassen von allen gu-<br \/>\nten geistern, wie man sagt, aber wohl geborgen lebend im kreise<br \/>\neiner gemeinschaft, nicht ganz so z\u00fcchtig, wie es sittsam gewe-<br \/>\nsen w\u00e4re, aber es war eben eine wilde zeit, damals, die bis in die<br \/>\nhintersten winkel bayerns hineinwirkte. dazu lebte sie tief einge-<br \/>\nbettet in die traditionen dieses landes, in dem der aberglaube<br \/>\nebenso fest verankert ist, wie der glaube an die oberste gottheit<br \/>\nin einer ewigen volksseele, die bis heute zur hymne an den kaiser<br \/>\nmarschiert, mit dem starken rechten bein den takt tretend. eines<br \/>\ntages drehte sie durch, wenn man so sagen kann: sie h\u00f6rte die<br \/>\nstimme ihres herrn. ja, so war es wirklich. ganz nah war er zu ihr<br \/>\ngetreten, angerufen hatte er sie und dann hatte er sie genomm-<br \/>\nen, war er in sie gekommen wie einst in die jungfrau maria und<br \/>\nsie sp\u00fcrte seine s\u00e4fte fliessen, durch ihre heilige scham, durch<br \/>\nihre lippen fliessen, in sie hinein, oh mein gott, sagte sie, aber<br \/>\nnein, das durfte sie nicht, das wollte sie nicht, doch war es ihr<br \/>\ngott, der von ihr besitz genommen hatte und dann machte er sie<br \/>\nstumm, dann sprach er aus ihr heraus, unaufhaltsam, machte sie<br \/>\nzum sprudelnden quell heiliger worte und weil sie ein armes weib<br \/>\ngewesen, gottesf\u00fcrchtig, schuldbeladen, glaubte sie an das, was<br \/>\nihr da widerfahren war<\/p>\n<p align=left>\nihre kommunarden, die in jener zeit allerdings nicht die revolution<br \/>\nder welt zum ziel, sondern im gegenteil die ausbeutung derselben<br \/>\nim sinn hatten, erkannten schnell die wunderlichen erg\u00fcsse ihrer<br \/>\nkumpanin als gewinnverheissende gesch\u00e4ftsgrundlage und be-<br \/>\ngannen die mine auszubeuten, die so unverhofft in ihren besitz<br \/>\ngekommen war. sie bauten ein imperium um &#8218;das orakel&#8216; &#8211; so<br \/>\nwurde sie bald genannt &#8211; und die menschen str\u00f6mten heran, folg-<br \/>\nten wie einst h\u00e4nsel und gretel der durchgeknallten alten in den<br \/>\nwald, denn je d\u00fcmmer das gem\u00fct, desto mehr liebt es das okkulte<\/p>\n<p align=left>\ndie jahre vergingen. die am leim des versprechens h\u00e4ngenge-<br \/>\nbliebenen zehrten sich aus in blinder hoffnung auf ein ewiges<br \/>\nleben, das doch immer in der ferne liegen sollte, das orakel-im-<br \/>\nperium wuchs und wuchs, doch die alte wurde zunehmend ge-<br \/>\nbrechlich. ihre gesalbten reden, die sie in psychotischen sch\u00fcben<br \/>\nder trance von sich liess, wurden auf tonb\u00e4nder aufgenommen<br \/>\nund f\u00fcllten lange regale, sie wurden ausgestreut in die welt via<br \/>\ntelefon, via kurzwellenradio oder durch das inzwischen modern<br \/>\ngewordene netz der computer, aber das ende nahte drohend. im-<br \/>\nmer \u00f6fter mussten die zittrigen lippen gottes in eine klinik gebracht<br \/>\nwerden, wo sie stieren blicks den studenten vorgef\u00fchrt wurde: und<br \/>\nhier sehen sie das bekannte orakel oder besser das, was von ihm<br \/>\n\u00fcbrig blieb &#8230;<\/p>\n<p align=left>\noh nein, das war nicht sch\u00f6n. das imperium wankte. die suche<br \/>\nnach einer nachfolgerin aus dem engsten kreis der sie umge-<br \/>\nbenden scheiterte; das charisma des originals, ihre inbrunst im<br \/>\nwahn, ihre sch\u00f6nheit unterm w\u00fcrgegriff des gottes erreichte keine<\/p>\n<p align=left>\nbis sie endg\u00fcltig zusammenbrach, eines tages, und ich an ihrem<br \/>\nbett stand, eingeschlichen, in der heimlichen dunkelheit einer ver-<br \/>\nborgenen krankenstation, als ich ihre hand hielt, verbotenerweise<br \/>\ndie vertrocknete hand einer ausgezehrten, ausgemolkenen, einer<br \/>\nverstummten, verbl\u00f6deten, ihren welten g\u00e4nzlich entr\u00fcckten, ein-<br \/>\ngesunken in weisse laken, als ich ihr sagte, dass sie nun loslas-<br \/>\nsen und gehen k\u00f6nne ohne schuld, da machte sie einen tonlosen<br \/>\nseufzer, zog ihre hand aus der meinen und erhob sich leicht, fe-<br \/>\nderleicht, ja, sie flatterte davon als eine dirndltragende taube. ein<br \/>\nwunder, sagten die leute sp\u00e4ter<\/p>\n<p align=left>\nwas f\u00fcr ein scheiss, sagte ich und wachte auf. vom fensterbrett<br \/>\nst\u00fcrzte sich eine taube gurrend in die tiefe, w\u00e4hrend der regen<br \/>\nmit deprimierender gleichf\u00f6rmigkeit herabstr\u00f6mte<\/p>\n<p align=left>\nja<\/p>\n<p align=left>\nund nun wischt eure tr\u00e4nen fort. das war ein h\u00e4sslicher traum. ein<br \/>\ntraum, h\u00f6rt ihr?<\/p>\n<p align=left>\nsoviel brutalit\u00e4t, besessenheit, berechnung wie auch dummheit<br \/>\nkann diese erde nicht bev\u00f6lkern, dass \u00e4hnliches sich in wirklich-<br \/>\nkeit ereignen k\u00f6nnte, nicht heute, nicht in den phantasielosesten<br \/>\nghettozeiten deutscher fussballkultur, nicht im g\u00f6tterbr\u00fcnstigen<br \/>\nvatikan, nicht einmal im blauweissen lodengl\u00fcck bayerns. es gibt<br \/>\nkeine \u00e4hnlichkeit mit lebenden oder gestorbenen menschen in<br \/>\nmeinem traum. nein, keine \u00e4hnlichkeiten. das letzte orakel, von<br \/>\ndem die legenden erz\u00e4hlen, erstickte in delphi, lang her ist&#8217;s und<br \/>\nebenso sicher gelogen, am giftigen rauch aufgebrannter sklaven-<br \/>\nh\u00e4ute. oder an einem schlechten, viel zu dicken joint. und das ist<br \/>\ngut so<\/p>\n<p><\/font><br \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>mit dem fl\u00fcgelschlag der taube drang das ger\u00e4usch des regens in meinen traum, weckte mich mit den tr\u00e4nen des allh\u00f6chsten himmels, traurig weitertr\u00e4umend den alb vom orakel sie war eine zerknitterte alte frau, damals schon, obwohl in der sogenannten bl\u00fcte ihrer jahre stehend, verlassen von allen gu- ten geistern, wie man sagt, aber wohl geborgen [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":5,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-421","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-uncategorized"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.peryton.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/421","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.peryton.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.peryton.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.peryton.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/5"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.peryton.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=421"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.peryton.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/421\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":16199,"href":"https:\/\/www.peryton.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/421\/revisions\/16199"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.peryton.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=421"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.peryton.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=421"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.peryton.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=421"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}