Archive for 2009

[ an jenen orten ]

Dienstag, Dezember 22nd, 2009

es sind jene kargen orte, an denen
erinnerungen abgelegt sind wie kalte
steine, wie kalte steine abgelegt
und aufgetürmt zu lawinentürmen
 

es sind die bunten orte, an denen
wünsche abgelegt sind wie samen
und herangewachsen zu blumen-
wüsten, waldmeeren; in wellen
wuchern sie über unsere gräben hin

: mein und dein amazonien
 

es sind die dunklen orte, an denen
unsere schatten liegen, klein, ganz
klein, auf den ersten glanz des
morgenrubins wartend um aufzu-
glühen, um auseinanderzuwehen

wie das universum, um auseinander-
zuplatzen wie ein komet; wie der er-
ste komet in deinem leben: grösser
als deine angst und dein ‹ah› und dein
‹oh› und jedes ‹wünsch-dir-was›
 

es sind jene warmen orte, an denen
ich bleiben mag, an denen ich meine
träume hinlegen will, betten will neben
alten wünschen; wo erinnerungen aus
den gräbern wachsen neben azaleen

und – nicht zu vergessen – das immergrün


[ stilleben ]

Freitag, Dezember 11th, 2009


 

wie buchstabiere ich heute ’notwendigkeiten›?
endlich ankommen, (m)ein stilleres leben leben

keine sorge; nicht so, nicht so, so, auch so nicht
 

foto: stilleben
kiel, 04. november 2009


[ darum ]

Donnerstag, Dezember 10th, 2009

darum werde ich dir nur meine zeit schenken, fern-
ab von konsum, fernab vom goldrausch in und auf
den märkten, fernab von falschem jubel, zwang
und plastikhalleluja und geldgutscheingeschenken

ich mag das alles nicht; es macht mir einen kal-
ten grusel. es macht mich gleichgültig gegen
die signale eines glücks, das mir fremd, das mir
unheimlich, ja, unverständlich bleibt, zum glück


[ bitte keine weihnachtsgrüsse! ]

Mittwoch, Dezember 9th, 2009

jetzt schieben sie sich wieder durch die geschäf-
te, warenregalegassen, gitterwagen hauteng ne-
ben gitterwagen, einkaufskettenkletten, arsch an
rücken, auge an po, der blick verzweifelt suchen-
der, rastlos, hungernd und geil, pleite, am ende:

die tüten voll, die armen auch, die busse quellen
über und könnten die lichterketten weinen, wäre
dies laut die traurigste zeit: vom himmel hoch, ad-
vent, advent, ein lichtlein brennt. verdammt, das
jesulein liegt bei esulein, nackend, das elende teil
 

bescherung wie üblich, ausser, oma ist inzwi-
schen gestorben. küchengerüche nach gehalts-
klasse, kurzarbeiter lieben es eher fettig; vertrock-
nete tanten trinken tee, pastoren salbungsvoll
den wein, das heilige bier wird pünktlich entkront

püppi muss nachher immer bei papa oder onkel
auf dem schoss sitzen, so!, sich dankbar zeigen
sonst setzt’s was, die kinder schauen dem flack-
ern elektrischer kerzen zu, fliehen in träume vom
erwachsenwerden. wenn wir mal gross sind …
 

das vergessen ist mächtig wie die angst vor papa
und mama und gott und alleingelassensein; es
kommt meistens nichts anderes raus als das glei-
che alte elend: die weihnachtslüge vom glück und
dass es doch zuhause immer am schönsten sei


[ ins gras beissen ]

Freitag, Dezember 4th, 2009

spatentief liegt der lehm, schmatzend beisst das
werkzeug ins gras, so schwer kann wasser wie-
gen, halten, bis es sich bewegt. dann – endlich –
zieht es ab, dann fällt der pegel unter flur, dann
fällt der sumpf trocken, der über jahre wie einge-
gossen stand, eine schlechte angewohntheit, da-
gelassen, trotz allem, weil eben immer schon und
 

unter dem gleissenden mond heulen bären. oder
es ist der wind in den drähten, die schwingen
noch vom abschied der krähen her; auch die: fort
 

wenn der schmerz nachgelassen hat, eine alte
weisheit ist das, ist er bald vergeben; was leicht
wie erlösung klingt birgt doch gefahr. vergessen
 

in den nächten kaue ich die zeiten durch wie ein
fremdes alphabet zum klopfenden rhythmus eines
taktstocks und weine die erinnerungen tonlos aus


[ hände ]

Samstag, November 21st, 2009


 

es gäbe viel zu erzählen, es gäbe viel offen-
zulegen; doch viel zu halten gäbe es auch

was sagst du?

loszulassen, meinte ich, gäbe es, laut, leise
 

foto: hände
leipzig, 16. november 2009


[ scheinbar. 3 ]

Freitag, November 20th, 2009


 

foto: leipzig, 15. november 2009


[ scheinbar. 2 ]

Donnerstag, November 19th, 2009


 

foto: leipzig, 15. november 2009


[ scheinbar. 1 ]

Mittwoch, November 18th, 2009


 

foto: leipzig, 15. november 2009


[ konzert: tangermünde, 13.11.2009 ]

Dienstag, November 10th, 2009

freitag, 13. november 2009
«konzertlesung»
zecherei sankt nikolai
lange strasse 1, 39590 tangermünde
( google maps )
beginn: 20:00 uhr

[ strandpiraten ]

Freitag, November 6th, 2009

das blei alter geschichten liegt noch auf
deinen lidern, doch spielen vogelstimmen in
deinem haar und der wind spricht im rohr
wie das meer zärtlich in den muscheln

lege dich nun her an meine seite, weine
noch einmal um alles verlorene, kind, bis
die ebbe einsetzt, bis die riffe aufgestiegen
sind, bis der wind kühl vom land her weht
 

wenn unsere feuer ins verderben lenken
rauben wir den schlaf der anderen, so
wie wir es von den eltern her kannten
 

doch es werden vogelstimmen spielen in
deinem haar und zärtlich werden wir zu-
einander sein, wie an jedem morgen, bis

wir ein boot bauen aus den zerschollenen
bis wir mit der flut hinaus, einem ufer ent-
gegen oder untergehn, vielleicht, endlich
 

dann sprengst du die knospenschuppen über
deinen blüten auf, dann streust du nektar-
düfte über deine inseln und der wind spricht
im rohr wie das meer zärtlich in den muscheln

und dann, vielleicht, werden wir frei sein


[ erster schnee ]

Donnerstag, November 5th, 2009


 

am morgen bringt schneidender wind erste weis-
se flocken. meine steif gefrorenen finger halten
kaum die schaufel, um wasserrinnen freizuziehen
gegen das ertrinken. weg hier; was für ein land
 

foto: herbstfarben. rot III
04. november 2009


[ herbstfarben. rot II ]

Mittwoch, November 4th, 2009


 

foto: 03. november 2009


[ herbstfarben. rot I ]

Dienstag, November 3rd, 2009


 

foto: 21. juni 2009


[ verdacht ]

Montag, November 2nd, 2009

so oft erinnert
weiss ich nicht
was endlich
vergessen
sei


[ ermutigung ]

Sonntag, November 1st, 2009

gegen abend hat sich
der himmel verdunkelt

als schwarzer regen fällt
zurück, was einen tag
lang brannte
 

schlag weiter, mein herz
diesen und den nächsten
schlag, den tag zu überstehn
 

dann häufe ich erneut die scheite
auf wie knochen und zünde die
flammen hoch gegen eure himmel

dann brennt das alte leben aus zu
glas; dann glüht die lava zu asche
aus und zu säulen von stein

dann riecht der wind wie der wind
in seinen jahreszeiten, dann wird
das rollen des meeres, hier wie dort
nicht mehr der aufbrandende lärm
nie mehr gesang eurer kriege sein
 

brenne, leben, brenne
diesen und den nächsten tag
den brand zu überstehn


[ winterprofile. drei ]

Samstag, Oktober 24th, 2009


 

die hürden sind genommen: die steuererklärung
ist abgegeben, das büro aufgeräumt, die tradi-
tionelle herbstanfangserkältung ausgestanden
 

beim räumen und kramen finde ich einen über
jahre verschollenen ordner mit den unterlagen
des bürgerlichen lebens: geburtsurkunde, schul-
zeugnisse, das universitätsdiplom. da könnte ich
mich zurücklehnen und tief atmen: bin wieder wer
 

foto: d., morgens auf seiner couch
efrizweiler, dezember 2006


[ jahreslauf ]

Sonntag, Oktober 4th, 2009

im frühling
lernte ich nichts
falsch zu machen

im sommer
lernte ich bei mir
allein zu sein

im herbst
lerne ich die
höhepunkte

und

im winter
stellen sich
die fragen
neu



[ heimat ]

Freitag, Oktober 2nd, 2009

nie waren die fragen so klar wie an diesem
morgen; ein erster nebel hob sich von den
zerstörten feldern auf
 

nie waren die flüsse breiter als im land un-
seres vergessens; hinter den grenzen, dort
die roten wolken sind blutender rauch
 

wo bist du? rede, damit ich dich sehe;
höre, dass ich mich finden kann bei mir

 

nirgends waren die felsen so steil wie in den
städten unserer einsamkeit; das erste licht
fällt in eine kalte wiege, auf kuscheltiere mit
lebendigen mündern, die erzählen einem
fremden nichts
 

wo bist du? halte mich, halte mich
 

nie waren die fragen dringlicher angesichts
vergessener fluten, angesichts ausgewein-
ter fensterhöhlen in den strassenschluchten
unserer heimat, irgendwo in den kellern un-
serer verschwiegenen kindheit, irgendwo
am ende unserer gottverdammten scham
 

wo ist sie? wo ist sie?
 

gib mir meinen seelenmantel zurück, leben
gib mir das mondlicht mit einem fingerschnip-
pen wieder, gib mir die ruhe einer kalten
nacht, einatmen, ausatmen, ein trinken an
deiner mutterbrust, geliebte, drei schritte
an deiner hand durch den wald, mein blin-
der vater, und dann, endlich, ein erwachen
 

wo bist du? liebe mich, liebe mich, du, liebe
mich makellos, unserer heimat fern oder nah
allen fehler zum trotz; verlasse und verzeih

 

friedrichshafen, 02. oktober 2009


[ wahlboykott. eine polemik ]

Samstag, September 26th, 2009

nicht wählen gehen ist keine schande; wählen ge-
hen ohne genau zu wissen was, wen und warum
aber schon. wählen gehen und erwarten, dass sich
«etwas zum guten ändert» ist im schlichtesten fall
naiv, aber – keine sorge – ganz normal. ja, herr
nachbar, ja, frau nachbarin, so machen’s doch alle

«nichtwähler und nichtwählerinnen sind daran
schuld, dass die bösen rechten drankommen»

blödsinn. dieses märchen kenne ich schon seit
jenen jahren, als die cdu/csu zur «sammelpartei
aller rechten» ausgerufen wurde. die npd war in
einigen länderparlamenten überraschend stark
geworden (1966: hessen 7,9 %, bayern 7,4%;
1967: bremen 8,8%, niedersachsen 7,0%, rhein-
land-pfalz 6,9%, schleswig-holstein 5,8%) und
konnte in baden-württemberg – anlässlich der
landtagswahl am 28. April 1968 – sogar 9,8 pro-
zent aller wahlstimmen auf sich vereinigen. doch
der christlich-bürgerliche sammlungsruf brachte
den erwünschten erfolg, die «nationaldemokra-
ten» flogen wieder aus den länderparlamenten
raus und die cdu/csu-fraktion erstarkte. wohl-
gemerkt dank der stimmen jener rechten wähler

auch der christlich-soziale slogan «freiheit statt
sozialismus» stammt aus jener zeit. und so hat
sich alles bis heute grandios entwickelt: die frei-
heit ist unwiderbringlich futsch, der sozialismus
auch. klasse gemacht, herr und frau wahlstimme!

das rechtsextreme wählerInnenpotential dieser
jahre wurde auf etwa 15 prozent geschätzt –
das hat sich gehalten und sein anteil wächst

dass sich heute die neonazis ziemlich ungeniert
und ungestört in der öffentlichkeit zeigen, sowie
mit rassistischen parolen wahlkampf machen kön-
nen ist vielleicht ein wenig blöd und sieht nicht
schön aus, gell? aber es ist doch auch ihr ver-
dienst, herr und frau wählerIn, weil sie so fleissig
mitgemacht haben. toll!! schliesslich ändert sich
alles zum guten – wenn wir nur lange genug dran
glauben und oft genug davon reden. ja, wenn
wir reden und – bitteschön!!! – passiv bleiben