erzähle ich zu viel von dir?
es ist mein plapperndes herz
das ein echo sucht in der stille
des winters
schau: würdest du mit mir reden
müsste ich dich nicht erfinden
foto: salzauer mühle (1995)
ich war nicht darauf vorbereitet, an diesem ort viele briefe
von dir zu finden; die suche nach dem foto einer freundin
wuchs sich zu einer ungeplanten lesereise aus. wie alle
abhängigen wirft mich der anprall meiner droge in die
seelengosse: ich stolpere eine dekade in der zeit zurück
unterhalb der sterbenden eiche kletterst du also die steile
böschung zum eisbedeckten mühlenteich hinab, schwingst
auf dem rücken liegend, mit den armen auf und ab, malst
deinen engel in den schnee dieses kalt-sonnigen morgens
wir kannten uns kaum°. in deinen briefen sahst du anders
aus, in den meinen war ich reif genug
(° – ogg; 2,6mb)
siehst du: dort war das. ich sagte doch, dass ich
irgendwo noch ein foto haben muss. dass du das
vergessen konntest … aber erinnerst du dich nun?
eure erste begegnung, julia und du, als ich sie
eben dem schlachter abgehandelt hatte. (allerdings
gebe ich zu, dass ich einen warmen spätsommer
in der erinnerung hatte, keinen halbgaren frühling)
foto: brüggerholz, frühjahr 1993
okeeeeh. lang herausgedehnt schwingt meine einwilligung
in einen sprechgesang, der in der leitung nachhallt, irgend-
wie. elf uhr schon? verdammt früh … war anfangs nicht von
mittag die rede? na gut. na guuuuut. erneut bin ich ins
singen gefallen, du schnaubst zufrieden in mein linkes ohr
die zeit wird reichen, denke ich, rasiert zu sein und fahre
prüfend mit der hand über meine abendstoppeln. mit ver-
eisten strassen ist nicht mehr zu rechnen, ich werde also
pünktlich sein, rasiert vielleicht, ausgeschlafen, ausge-
bügelt meine morgenfalten, so werde ich vor dem eingang
der schule vorfahren, du wirst dort warten, ich werde dir
von innen die zerbeulte seitentür aufstossen, während die
umstehenden erstarrt sind und glotzen, ich werde den
reiferen mann geben, einen unbekannten in mittleren jah-
ren, einen überlebenden hippie vielleicht, über den du
schweigst. ist der nicht ein bisschen alt für …? meint ihr …?
ich werde dir zu einer flucht verhelfen, einem ausflug in die
freiheit, eine mittagspause lang, damit du zurückkommen
kannst, später, beharrlich schweigend, weil das stärker
macht als das normale je
okeeeeeh, singe ich, in den gedanken den telefonhörer
auflegend, weil für den augenblick doch alles gesagt ist
im badezimmer nebenan hustet n., rumpelt, röchelt, klappert
im flur, verabschiedet sich durch den türspalt flüsternd, um
mich doch nicht zu stören, sieht meine hand nicht mehr, die
ihr winkt, später, als die wohnungstür ins schloss klappt, zu
spät also, hervorgewühlt unter decken, zum takt der musik
winkend, die in meinem kopf spielt
unhörbar singe ich mehrstimmig die eignen melodien. 8:58
uhr. zeit für ein frühstück. laut schnüffelnd schlurft a. durch
den flur in richtung bad. ich schreibe über dich, sage ich, als
er, wie es vereinbart war, pünktlich eintritt, um mich sanft
zu wecken – und dabei lärmend über eine katze fällt
unhörbar spielt in mir musik
es lässt sich mir nicht greifen. worte
fallen sich in einem fremden kopf ins
wort, farben ohne ton, ohne einen
grund, ohne räue, eine welle steht am
ufer, wind hält atem an, ein silberfisch
ist eben abgetaucht, der apfel wird im
winter nicht geborgen. leer sinkt eine
hand ins leere
dennoch im studio gewesen, morgen erneut. ohne
feste wahl spielte ich die neuen stücke an, bis wir
uns für ‚und eine frühlingsbläue‘ entschieden: für
einen moment aufgetau(ch)t. aber ja doch. irgend-
wie geht es immer weiter
keine sorge: auch wenn es sich zu häufen scheint, werde ich
nicht in zukunft auf jeden kommentar verweisen (das geht eh
nicht, denn beleidigende werden unmittelbar gelöscht); aber
einige greifen aktuelle diskussionen auf und sind daher
– meiner hier einzig massgeblichen meinung nach – besonders
hervorhebenswert. so auch die kommentare zum artikel
’non maman‘
schnurrend zieht mein auto seine spur
gleich einem fuchs, der in den schatten
wandert, lauscht, der wittert, folgt den
fremden wegen an ihr ende nach – ich
fahre eine strasse über land, halte unter
pappeln. für heute bin ich angekommen
der weisse regen tritt zurück, lässt raum
dem licht, es fällt vom abend her, schräg
rosa färbt es den schnee, der mittags
gelb von gülle zwischen hecken lag und
nach verwesung roch
warm blies atem in mein ohr, so gross
die liebe, in mein fell gehaucht
wenn ich dir unverborgen schreibe, lies
es unverborgen. nicht immer trommle
ich über den menschenschatten; es gilt
zu wiegen jedes wort, den klang und
stille auch, den spuren nachzufolgen
an ihr letztes ende
(für heute bin ich angekommen)
dass ich noch lebe, ist vielleicht ein glück; allerdings ist dies
auch eine frage des standpunkts und der sympathien …
jedenfalls bemerkte ich das glatteis erst, als ich knapp vor
der kurve stand und viel zu schnell. genau genommen war
es keine kurve, sondern ein verkehrskreisel – und wie ich
da heil hindurch gekommen bin, bleibt mir ein rätsel, das
gegen die gesetze der physik zu lösen ist. dass ich schlag-
artig hellwach war, weiss ich noch, dass ein fuss auf der
kupplung tippelte, dass ich mit nur zwei fingern das lenk-
rad dirigierte wie meine lebenssymphonie … und dass am
ende nur fragende verwunderung war, keine angst
‚hunger‘, lag im mauzen der katze und ‚hunger!!!‘ brüllte
sie, nachdem ich ihr zu essen gegeben hatte. aber ich
kenne sie schon lange. am telefon erfuhr ich, dass das
miese stück eiskalt eine show abgezogen hat, auf die ich
– schlauer vogel – nicht hereingefallen bin. naja, nicht so
richtig, jedenfalls. nur dreimal
schnee senkte sich herab wie gnädiges vergessen, kaum
dass ich angekommen war. so still ist es geworden, am
ende der welt, friedlich fast. ich werde das auto ein paar
tage stehen lassen, werde so tun, als ob es keine termine
gäbe, keine erwartungen, nur stille und musik. ach ja –
und den tierischen hunger, unüberhörbar
‚ich hab was schönes‘, sage ich anstelle eines morgen-
grusses. ‚du hast sex gehabt?‘ fragt seine telefonstimme
dünn. ‚in meinem alter?‘ ich spiele ein gequältes lachen
er spielt wissend und ich äussere anhand der hinter-
grundgeräusche die vermutung, er zupfe nebenher
verzagt an seiner gitarre wie …
‚ernsthaft‘, sag ich, ‚ab diesem morgen wird dein leben
wieder bunter sein. lass deine genitale harfe sinken, jetzt
packen wir die pauke aus‘ und erzähle ihm von meinem
plan, der mich seit vergangenem abend begeistert: ‚wir
lachen uns weg und fahren eine zweite ernte ein‘
leider – ich kann heute nicht mehr über unser gespräch
an diesem musikalischen morgen berichten, aber ihr
werdet es ganz sicher bald erfahren. wie immer hier, in
diesem worttheater
eine stille in azur steht über diesem platz
eine abendamsel klingt aus leeren ästen
der falsche ton zur kargen mimik einer
strassenbahn. sehnend lausche ich
‚einen schönen frühling‘, dem müllsammler
gewünscht, reisst seinen vollbart auf zu
einem lachen. der vogel wird verstummen
die stille in azur, die abendamsel
ich atme ein
(bismarkplatz, heidelberg, 20. februar 2006)
eben war die sonne da, sagt der boule-spieler, lacht
und wendet sich wieder seinen spielgefährten zu
über der mathildenhöhe standen wolken, die kugeln
rollten unter den platanen über sand. während es denen
fröhlich um millimeter ging, war ich des rechten
lichtes wegen angereist, um noch einmal fotos zu
machen für das neue album. aber die wolken standen
grau über den bäumen, liessen die sonnenstrahlen
erst hinab, als ich – enttäuscht – auf meinem rückweg
war
eben war die sonne da, sagte er also, als ich zum
zweiten mal vor ‚meinem‘ baum aufstellung nahm und
wie hingerufen erglühte sie ein letztes mal im untergehn
niedersinkend hinter einem horizont aus mauern und
zweigen, geradezu niederträchig schien sie mir
na warte, blöde gelbe kugel, ich erwisch dich noch
foto: 139
mathildenhöhe, darmstadt, juni 2005
wenn ein tag beginnt wie jeder tag zuvor mit einer
schalen dunkelheit, doch die vögel da draussen flöten
feierlich, als ob’s ein ganz besond’rer wär
dass du angst hast, mit mir zu reden, sagst du
und ich schweige vor mich hin, weil ich erschrocken bin
wenn mir die worte um die ecken fliehn
bevor ich einen letzten satz sagen kann
wenn du hinausgegangen bist und ich lernen muss
das war ein abschied, soll das heissen, du kommst
nicht mehr zurück
ich weiss nicht, ich weiss nicht
ich weiss nicht, wie es uns da geht
wenn ich mit dir rede, ganz normal wie immer eigent-
lich, wir lachen, wir sind irgendwo und irgendwann und
irgendwie passen wir nicht hin
das ist nicht ungewöhnlich, denn ich passe nie und nirgendwo
alles ist so gewohnt und dann wach ich einfach auf
ich weiss nicht … wie es weitergeht
wenn sie morgens dich in deinem auto wecken, ‚papiere
her oder es knallt!‘ und schon kracht alles ein, tausend
glitzerscherben, sie schlagen deine scheiben ein
sie bedroh’n dich mit waffen, sie bespei’n dich mit worten
sie ketten dich an, weil du fragst ‚warum?‘
doch dass du keine ehrfurcht zeigst, das macht sie krumm
und ich weiss nicht, ich weiss nicht
ich weiss nicht, wie lang es so noch geht
wenn mir die worte um die ecken fliehn
obwohl ich nur diese eine frage fragen muss
wenn du hinausgegangen bist ohne reinzugehn
ohne gruss, ohne rückweg, ohne eine last
du, dann weiss ich nicht, du, dann ich weiss nicht
dann weiss ich nicht mehr, wie es dir geht
„…dieser winter ist wohl nicht nur für charly
schwierig!“ (f. via email, 06. februar 2006)
es ist nicht so, dass ich nicht häufig an dich
dächte, nein, mein schweigen täuscht; ich
schreibe nur nicht
heute erinnern wir uns daran
was gestern übersehen war
es sind dies die morgenmomente des
erkennens. und des verlorengebens
manchmal will ich mit dir reden, sagst
du, aber ich habe angst davor
du ahnst nicht, wie nah du mir
gekommen bist. und geblieben
foto: mann mit pferd
salzauer mühle (1996)
aufnahme: cosima fuchs © 2006
wasserwerfer spülen demonstrierende vor
sich her, hörten wir über den freien radiosender
während unserer mittagspause, drinnen
zwischen den referaten über die rechte von
tieren. fussspuren fliehender, draussen
im zusammengesackten schnee, die
wasserwerfer spülen alles fort in frontline
zu den neuen nazis. hunderte, die sich sammeln
draussen. zwei grad über null. fliehende
retten ihre reste trockener kleidung
in häusereingänge; zu weit entfernt
diskutieren wir in überhitzten räumen
über die rechte von tieren, die
es nicht geben kann. nicht
so. so nicht
der fluchtweg ist niemals
ein pfad zur lösung
(hamburg, februar 2005)
hafenlichter in lee
eisnadeln treffen mit den harten böen
das abfahrende fährschiff rührt auf
den braunen schlamm, grüne gischt
wirft meinen kragen hoch, worte
fliegen davon wie losgerissene
fahnen über dem schwankenden steg
hölzerne scholle, an dessen ende
das meer beginnt
zurück will ich
auch wenn uns das ankommen
trennen wird, ich weiss es, ich
kenne das schon
eisnadeln im atem
hafenlichter in lee
schmerz in den augen
(hamburg, februar 2005)
unter uns liegt die stadt
das farbige bild der autobahn zur einen
dunkel im dunkeln das monströse denkmal
zur anderen
himmel in grauorange, darüber
schwammiger schnee
ein pärchen am rand
dort eine gruppe
ein amphitrisches rund auf der kuppe
mit dem schlitten hätten wir abfahren können
so glitschen wir auf sohlen
halten uns nicht an den händen
zu weit entfernt
bald erneut eingetaucht
zwischen die rauchigen mauern
zurückgekehrt
wir halten uns nicht
an händen
(leipzig, februar 2005)
es ist keine hartnäckige erkältung, die mich gepackt
hält, beschliesse ich, es ist der untaugliche versuch
einer winterruhe, frierend unter drei decken. wozu
hinausgehen, wenn im radio von schnee berichtet
wird, der sich zu katastrophen stapelt, wenn vor
den türen müll sich stapelt, als ein zeichen des lang
schon fälligen streiks und wenn sich an den toren
europas neue armeen aufstapeln, um sich zu neuen
kriegen zu formieren?
sollte ich dieses kalte land einmal verlassen, dann
nicht, weil ich den kampf verloren gebe, sondern
weil niemand blieb, bei dem ich bleiben wollte. oder
bleiben konnte
aber unser künstler mit prädikat, seine majestät
günter g., formte unter seiner schellenmütze
klingende worte zum brennenden kulturenstreit, je-
nem unsäglichen gemetzel um billige satire. und
ich musste ihm zustimmen! recht hat er! – in einigen
teilen, jedenfalls – ich war erschrocken: ist es bei
mir nun auch so weit? gehöre auch ich hinein, mitten
hinein in dieses theater? stetes klopfen formt den
stein, das ist selbst mir gewiss
im steinbruch der kultur schürft deutschlands krone
nach kongolesischer erde. morgen schlägt man die
hacken zusammen, hebt buckelnd hüte ab und für
ein widerwort zieht man das strenge lineal über die
fingerspitzen: vergessen ist der bleierne herbst mit
diesem bleiernen winter
sollte ich dieses land verlassen, dann nicht, weil ich den
kampf verloren gab, sondern weil keiner übrig blieb, um
für ein zuhause zu streiten, um über kultur zu streiten
und weil keine freiräume blieben. weil keine heimat blieb