Archive for September, 2007

[ meine rituale. abschied ]

Sonntag, September 30th, 2007

das schwarze sweat-shirt werde ich überziehen, das mit
der flammenschrift auf dem brustschild: verlieb dich nicht
in mich. und werde ich mich wohler fühlen. letzter blick in
den eitlen spiegel: gut so. meine reise wird weitergehen


[ müde tage, kühle nächte II ]

Samstag, September 29th, 2007


 

schmalblättriger rohrkolben, die früchte aufgeplatzt
und auseinanderquellend, kohldisteln stehen in typi-
schem gelbgrün, letzte sumpfweidenröschen blühen
und der kleine baldrian, beinah übersehen, am rand

man muss nicht mit jedem ins bett gehen, sagt sie. die
stille, die darauf folgt, ist kurz, ist wunderschön. dann
lachen wir uns entgegen, telefonwelten fern voneinan-
der und … irgendwie voreinander sicher. diesmal noch
 

foto: im grauweiden-sumpf (II)
siggenweiler, 14. september 2007


[ immer das gleiche. gnadenschuss ]

Freitag, September 28th, 2007

draussen: regen. im postkasten: werbung, kein brief
von der arbeitszwangsverwaltungseinrichtung – was
nicht wundert: ich habe geld gefordert, das macht die
sprachlos. seufzend schmeisse ich die werbung unge-
öffnet in den müll, stapfe die steintreppen hoch zurück
zu meinem kaffee, der inzwischen kalt geworden ist …
und während ich mich daran setze – weil versprochen –
alle hintergrundinformationen zu den tracks auf unse-
rem album „gestern war es“ sowie zur konzeption und
zur geschichte seiner entstehung zusammenzuschrei-
ben, gebe ich euch die möglichkeit zum entspannen-
den konsum einer klangkonserve: den gnadenschuss

„gnadenschuss. eine polemik“ (live, 04. august 2007)
(mp3; 4,5mb) (ogg; 3,7mb) (text)


[ müde tage, kühle nächte ]

Donnerstag, September 27th, 2007


 

toteissenke. weidensumpf. schwankend ein pfad auf
seggenbulten, übermannshohes rohr, ohne welle das
randlagg am moor; nur schritte entfernt lag eine welt

heute: die letzten hölzer in der schachtel sind abge-
brannt; natürlich. auf meiner ungeduldigen suche in
schubladen, in schächtelchen, auf regalen und abla-
gen, inzwischen fluchend, unter dem spanholz für den
ofen, rufe ich spätsommerabende zurück ins erinnern
 

foto: im grauweiden-sumpf (I)
siggenweiler, 14. september 2007


[ meine rituale. herbst ]

Montag, September 24th, 2007

dieser erste herbsttag gibt sich als sommer aus. ich liege
am ufer des bodensees auf heissen kieseln nackt zwischen
schambedeckten glotzern und schrillstrengen müttern. wel-
len spielen auf treibgut und rollenden steinen ihr lied. unter-
tauchend taufe ich mich in den winter, abschied nehmend


[ immer das gleiche. lieben und vergessen ]

Freitag, September 21st, 2007

weil eine nachfrage kam, suchte ich meine aufzeichnungen
zu „um liebe weinend“ heraus und stellte fest, dass ich es
nicht mehr spielen kann. vergessen. so verschob ich eine
fahrt, einen termin und setzte mich hin, diesen chanson
nachzukomponieren, der von mir erzählt und von meinem
vater, davon, was er mir über beziehungen beibrachte; o-
der: was ich lernte ohne zu verstehen, so wie man einen
guten rat annimmt, ohne zu begreifen, dass er ein fluch
gewesen ist. gesang/gitarre/komposition/text: peryton;
arrangement: peryton & lisamarie tatz; flöte: julia m. borkert

„um liebe weinend“ (aus der cd „gestern war es“)
(mp3; 7,6mb) (ogg; 5,5mb)


[ immer das gleiche. punkt ]

Donnerstag, September 20th, 2007

selbst wenn mein kopf erneut durchleuchtet würde mit al-
chemistischen strahlen, durchquirlt, dass das aufstehen
schwer fällt und das atmen, danach, und das denken ins
träumen kippt: es wird nicht allzuviel mehr gefunden wer-
den als ein gehirn. das, allerdings, war dort zu vermuten

auch heute. ein hirn, walnussförmig und durchsaust. punkt
 

„mach’n punkt“ (live, 04. august 2007. premaster, 18-09-2007)
(mp3; 3,4mb) (ogg; 2,3mb)


[ post an … ]

Montag, September 17th, 2007

ich sorge mich. dieser gedanke weckte mich auf, graues licht
vor den fenstern. im traum schenkte ich einem unbekannten
mädchen block und farben, damit es beschreiben möge, was
ihm wichtig ist. hinter den augen das dröhnen. ich sorge mich
und suche ein internetcafé, meinem traumwesen zu schreiben


[ mein herz, ohne den gesang der vögel ]

Samstag, September 15th, 2007

wie ist es dir ergangen, fragte ich sie, nachdem wir
uns begrüsst hatten, ungestümes umarmen, das in
eine wirbelnde drehbewegung übergegangen war

lachend hatte ich sie herabgelassen, bis ihre füsse
wieder festen stand hatten, ihre haare wogten gol-
den nach, brandungswellen an unserem ufer, ger-
stenschlag im heissen wind eines sommerabends

– das interessiert dich wirklich?
– ja, jeder einzelne augenblick
– da sind momente, von denen kann ich dir nicht be-
richten
– und die anderen?
– von denen schon

ihren festen blick versuchte ich ebenso fest zu erwie-
dern, was schwer ist, während der unendlichen zeit
einer sonnenfinsternis im eigenen herzen: diese ro-
safarbene stille. dieser sybillinische wind. diese ab-
wesenheit des gesangs der vögel. versteht ihr?


[ alte leute reden übers pissenmüssen ]

Dienstag, September 11th, 2007

„erstmal macht sich bei mir grosse erleichterung breit
und freude für dich. aber dann kommt doch noch ein
haken?“

alte leute reden gern übers sterben der anderen; ü-
ber den morgendlichen bussgang zum klo; das pis-
senmüssen; die konsistenz ihrer kaffeekacke. ich ha-
be derzeit noch andere probleme, wie auch beschäf-
tigungsmöglichkeiten … zum beispiel übe ich schwei-
gen; was mir – zugegeben – schwerfällt. aber: ja, du
vermutest richtig. es gibt den einen oder anderen ha-
ken

wohl, um es nicht gar so tragisch erscheinen zu las-
sen, gab mir die ärztin zum abschied strahlend mit
auf den weg: seien sie ihrem tinnitus dankbar. er ist
ein zeichen für sie. leben sie mit ihm, freunden sie
sich mit ihm an, freuen sie sich, dass er bei ihnen ist

wahrscheinlich hat sie recht. andere leute hören an-
dauernd schlechte musik aus lautsprechern. ich habe
meine eigene und erschöpfend reichlich damit zu tun
sie zu verstehen. ich könnte auch sagen: andere ha-
ben weder musik noch gedanken im kopf. meine hin-
gegen sind derzeit ziemlich pfiffig

was heisst: ich lebe noch. und das ist doch mehr als
andere von sich sagen können. mehr noch: ich singe
davon; solange, bis ich irgendwann umfalle. der tod
eines künstlers auf seiner bühne, vor seinem publikum
ist doch mindestens als standesgemäss zu bezeich-
nen, wenn nicht gar wünschenswert. nicht wahr?


[ outline II ]

Montag, September 10th, 2007

des reisens müde und der entfernungen
steige ich aus dem raumanzug, lege die
mitgebrachten komentenschweife in mei-
ne sternensammlung. noch leuchten sie


[ frage an radio peryton ]

Sonntag, September 9th, 2007

„nach all dem, was wir gestern redeten: heisst lieben lei-
den?“

im prinzip ja; aber nur, wenn sich keine anderen lösung-
en anbieten

auch unabhängig einer erwartung dessen, was wir mor-
gen noch besprechen werden – wobei mit einiger sicher-
heit davon auszugehen ist, dass wir uns thematisch in
die selbe richtung begeben – kann nur dies die einzig
richtige antwort des in (und die) freiheit liebenden sein;
wobei dieses ‚ja‘ mit ‚unbedingt‘ zu attributieren ist, im
engsten wortsinn gefasst: ‚ohne jegliche bedingung‘

die bedingungslose und somit freie (auch: leidende) lie-
be muss als einzigartige lebensbeschäftigung betrach-
tet werden, die den verlust des zentrums seines emo-
tionalen interesses und den verzicht darauf als präsen-
te möglichkeit mit einschliesst; sie grenzt sich hierin
scharf vom erfolgs- und gewinngerichteten ansinnen
einer kapitalistisch orientierten beziehung ab

auch wenn – besser: weil – in der sozialen wie sprach-
lichen bewertung und in der lebenswirklichkeit dieser
gefühlsbelasteten ausgestaltung von beziehung un-
schärfen und überschneidungen zu bemerken sind, em-
pfehle ich insofern die orientierung am kulturellen zung-
enspiel, dass die heutige ‚liebe‘ in ihrer ursprachlichen
bedeutung auf ‚verlangen‘ und ‚begehren‘ fusst, das
‚leiden‘ jedoch im ‚gehen‘, ‚weggehen‘ und ‚vergehen‘
verwurzelt ist

dennoch: nicht einzig im leiden erfüllt sich eine freiheit-
liche liebe; der verzicht auf den verzicht kann liebevolle
variante, kann ebenso erfüllung wie auch erlösung sein


[ inside a peryton ]

Samstag, September 8th, 2007


 

man kann es sehen, mit ein wenig phantasie: dort, zwi-
schen den breiigen wülsten treten heraus die sprache
und die musik. der quell des anhaltenden missklangs a-
ber bleibt doch unentdeckt; der tinnitus, der ungestüme
ohrwind, der kalte sturm im kopf lässt sich nicht fangen
 

scan: peryton, kommandozentrale
(kernspintomographische aufnahme)
heidelberg, 07. september 2007


[ zu viel hören. zu wenig seh’n ]

Freitag, September 7th, 2007

ganz still lag ich in der röhre, augen fest zu, galoppierte
über waldwege fort, durchschwamm warme flüsse, auf-
tauchend, als der lärm endlich nachliess. in einem weiss
gekachelten toilettenraum zog ich bilder meines gehirns
aus einem riesigen umschlag und ein förmliches schrei-
ben, das nicht mir galt, obwohl es von mir sprach. ‚kein …‘
übersetzte ich laienblöd mit ‚kein tumor‘, war erstaunt
über mein tiefes atmenholen: mein tinnitus ist nicht das
geräusch des heranschwirrenden pfeils. doch in einem
zweiten satz lag der klang einer losschnellenden sehne

nun gilt es also doch, hirsch, schneller am ziel zu sein?

aber warum haben sie das, fragte die ärztin später; was
mich lachen liess: sie nehmen mir die worte glatt aus dem
mund. sie aber lachte nicht, kaute auf schmalen lippen
und wiegte bedächtig ihren kopf. behutsam fast liess sie
worte auf die vor uns liegenden fotos rollen, geführt von
einem sympathischen akzent. das müssen wir uns noch
einmal genauer anschauen, schloss sie, fortschickend

was heisst das für mich, fragte ich, als sie einer der assi-
stentinnen hinterm tresen murmelnd zauberformeln dik-
tierte. sie kaute auf den lippen, ihr kopf schwang hin und
her. sie sehen nicht gut. wir müssen weiter untersuchen

als ich vor die türen des glasbaus ins freie trete, regnet es
in grauen bändern herab. ich lache bis zum himmel hinauf


[ zurückgekehrt. ein postscriptum ]

Donnerstag, September 6th, 2007

unablässig plappernd springen mir die worte von den lippen
wie forellen über die stromschnellen eines tauwasserschwer-
en baches; dabei schwiege ich besser, die brennende kehle
zu schonen. dass du hingegen schweigst, keine antwort aus-

formulierst, damit zu leben fällt leichter, als ich befürchtete:
du bist in meinem leben. so oder ähnlich habe ich eingestan-
den, dass ich verloren bin, habe mir das hemd von der brust
gerissen und auf mein herz gezeigt: hier zu treffen gilt es!!!

aber nein. kein theater, keine schmierigen gesten, kein kampf
und kein untergang. du bist in meinem leben. was ist gesagt?
mehr nicht als alles, ein postscriptum, zurück von einer reise:
der spiralnebel deines fernen lebens ist meiner welt die sonne