[ volker bradke. eine würdigung ]


 

irgendwie kommen wir immer wieder auf den brad-
ke zu sprechen und dann gebe ich gerne zum be-
sten, wie er mich eines morgens in einem marbur-
ger café ansprach, als ich an irgendwelchen tex-
ten arbeitete, wie ich ihn also kennenlernte ohne
zu wissen, wer er war, wer sich mir da vorstellte

er aber wusste; erzählte mir später oft – zornig –
wer er gewesen war, oder besser: was

da hatte ich jenes photo schon gemacht, das ihn
zeigte, wie er mir erschien: undeutlich. unscharf

sich auflösend. weil er soff; weil er, wie ich bald
erfuhr, es nicht ertragen hatte, nie so viel, nie
dem gleich geworden zu sein, wozu ihn 1966 ein
gerhard richter gemacht hatte: zum kunstwerk
 

richter hatte ihn herausgehoben aus dem zettel-
kasten seiner zeit, herausgehoben ins licht öffent-
licher betrachtung – wie vordem andy warhol eine
suppendose – hatte ihn gehalten, bis diese geste
ausreichend gewürdigt worden war und ihn fallen
gelassen, sich neuen aufgaben zuwendend auf
seinem weg berühmt – unbezahlbar – zu werden
 

eine der vielen wahrheiten, die stets im nachhin-
ein dazu gefunden werden, ist, dass der richter
den bradke nicht leiden konnte, diesen am rand
der düsseldorfer kunstszene herumschlacksenden
studierten mit hornbrille, der sich anschickte, lek-
tor zu werden. für richter war er das abbild des
spiessers, ein belesener schwätzer vielleicht, ein
intellektualisierter kleinbürger mit marxistischem
bildungshintergrund. aus rache an ihm, stellver-
tretend für seine zeit, vermute ich, hat richter
sein konterfei vom photo abgemalt, ein filmchen
gedreht, zwölf wackelige minuten lang, hat ihn
ins zentrum einer ausstellung gesetzt, den brad-
ke, der den ruhm nicht würde ertragen können

der in bedeutungslosigkeit würde zurückstürzen
müssen, weil er gegen die kunst eines der gross
werdenden nichts zu setzen hatte; der aushalten
musste, wie sein abbild im kunsthandel steigen-
den wert erfuhr – heute liegt er geschätzt bei ei-
ner million englischer pfund. so viel geld für sein
gesicht auf leinwand, während er selbst in der
mitte jedes monats regelmässig die stütze ver-
soffen hatte in den phasen der depression, ver-
schenkt in den phasen der manie; der sich ver-
schuldete, der verfiel, weil einzig der alkohol bei
ihm blieb, als niemand mehr da war, seinen an-
fangs noch kraftvoll spitzzüngigen, ja, durchaus
originellen aphorismen zuzuhören

niemand brachte ihn, seine kleine kunst heraus;
niemand wollte wirklich hören, was er zu sagen
hatte; vielleicht wollte man an ihm sehen, wie er
als kunstwerk geschaffen war; vielleicht auch
hat man ihn als person einfach nur vergessen
 

auch ich habe ihn sich selbst überlassen. unseren
gemeinsamen auftritt am 03. november 2003 in ei-
ner kleinen und wohl nur darum gut gefüllten mar-
burger kneipe meisterte bradke nüchtern – zum
erstaunen aller, die ihn näher kannten. schon am
nächsten tag war alles wie zuvor. vielleicht aber
erinnere mich mich nicht richtig und er hielt zwei
tage länger durch, bis er in seine trunkene ein-
samkeit zurück sank. hielt ich ihm seine haltlosig-
keit vor, beschimpfte er mich. so stritten wir oft

immer ging es ums ganze. „gerade weil ich dein
freund bleiben will“, sagte ich, „werde ich nicht
zuschauen, wie du dich totsäufst“. und ging fort
 

so hat die kunst ihn getötet. ein gerhard richter
– oder dessen kleinlichkeit – hat ihn 1966 zum
ersten mal hingerichtet; einer wie ich tat es ihm
gleich, gut vierzig jahre danach, mit gnadenlosem
voyeurismus. vielleicht haben wir das so nicht
gewollt; aber gebraucht haben wir ihn allemal

man braucht die bradkes immer
 

foto: volker bradke
marburg, 29. september 2004


9 Responses to “[ volker bradke. eine würdigung ]”

  1. peryton sagt:

    dann ist er es wohl doch: volker bradke. oder bradtke, wie du sagst. hätte ich noch kontakt zu volker, würde ich fragen. tatsächlich war dieses „t“ nie thema zwischen uns, schliesslich war mir dessen (nicht-)existenz unbekannt

    ich belasse es also meinerseits bei der legende und füge eine weitere hinzu: wahrscheinlich hätte es dem richter gar nichts ausgemacht, dem bradke auch noch ein t wegzunehmen. verstümmeln gehört zum handwerk des künstlers; skrupellosigkeit auch

    und leider gilt am ende eh nur das, was von ihm übrig blieb; der rest vom bradke, sozusagen

    nachdem du dich recht bemüht zu haben scheinst ihn wiederzufinden (das verrät auch ein blick ins www), wirst du dich bei ihm melden; das war doch der sinn deiner recherche, oder? dann sage ihm, bitteschön, von mir einen gruss

  2. PoetSauerbier sagt:

    Na ja, wenn’s der auf den Fotos ist, ist der schon einer mit t, nämlich mein alter Schulfreund vom Worringer Platz, mit dem ich mehrere Jahre jeden morgen den Schulweg ins Düsseldorfer Geschwister-Scholl-Gymnasium zurückgelegt habe…der Richter hat’s halt möglicherweise mit dem Namen nicht so genau genommen. Von „anschreien“ weiß ich nichts, ist aber wohl auch nicht so wichtig – ich habe mich nur gefreut, dass ich eine Spur von ihm gefunden habe, nachdem ich immer mal mehr oder weniger intensiv gesucht habe. Das letzte Mal hat er mich vor ungefähr 30 Jahren im Hamburg besucht, einmal als Literaturagent und dann später als Weinhändler, daraufhin hat er noch mal telefonisch aus Marburg gemeldet. Dass er da nun ganz einfach hängen geblieben ist, hätte ich nun nicht gedacht. Tja, so ist das…

  3. peryton sagt:

    lieber poet sauerbier!

    für den fall, dass du mit „leute“ mich persönlich anschreien wolltest:
    der volker bradke, von dem ich berichte, heisst ebenso: volker bradke

    vermutlich meinst du also einen anderen; „mein“ volker b. ist durchaus ein b. ohne t

  4. PoetSauerbier sagt:

    Leute, schreibt seinen Namen richtig, der Mann heißt „Bradtke“ !

  5. Mephistopholus aime Volker Bradke le petit poète de Marburg, c’est un copain.

  6. Tinú sagt:

    Auch ich sehe Volker sehr häufig, vielleicht schätzt er mich etwas, warum auch immer. Er gehört wohl zu Marburg, ist die Sehenswürdigkeit, die auf keinem Führer, in keinem Marbuch steht.

    Ob ich dem Herrn Felix Paul einst zustimmen könnte, weiß ich nicht. Es ist immer einfach, andere da zu belassen, „wo sie nun einmal sind“. Man muß selbst wissen, woran man sich erinnern möchte.

  7. felix paul sagt:

    ich sehe volker fast jedes mal wenn ich zur arbeit gehe. in marburg ist es schwer einen studentischen nebenjob ausserhalb der kneipen zu finden, wenn man keinen fuß in die tür der uni bekommt.

    volker tut mir leid, auch wenn er allzu oft stört und andere gäste belästigt. manchmal müssen wir ihn rauswerfen oder verkaufen ihm einfach nichts mehr, ignorieren ihn oder es werden späße mit ihm getrieben.

    die monologe über seine vergangenheit und gekränktes geltungsbedürfnis nimmt schon keiner mehr ernst. dennoch habe ich mich auf die suche nach ihm gemacht und einiges dabei erfahren.

    bei aller traurigkeit über seinen niedergang bin ich mir bewusst, dass auch ich an diesem niedergang mitwirke. man sollte volker endlich dort ankommen lassen, wo er nun einmal ist.

    vielleicht ist das brutal und engstirnig. vielleicht aber auch endlich gerecht. kein fabulieren mehr von größe, geltung, kunst und wertung. vergesst richter, vergesst volker. ewiges festhalten bedeutet ewiges erinnern.

  8. xc sagt:

    hi g
    hmm, wenn dies der text ist von dem du mir geschrieben hast ist, dann ist er mehr als … mir fehlen einfach die worte, weder genial, noch schön, noch irgendein anderes wort das eigenschaften beschreibt kommt mir auf die zunge, grossartige wörtliche leistung, ich kann kaum erahnen welche schwere arbeit dieser text war, doch waren deine mail letzte woche voll mit der andeutung der schweren arbeit.
    gruss
    xc

  9. Lucy sagt:

    …und alles was bleibt, sind Einträge bei Google…ewiges Leben nur im I-Net. Bedrückend.

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