„Gross, von dir zu horen. Fur das Geschenk zu uns
danke. Und das Geschaft Angebot klingt gross (hey
I’m being poetic, in German no less! Goethe look
out!) (…) And your English is just fine. I hope I didn’t
slaughter the German language“
„Gross, von dir zu horen. Fur das Geschenk zu uns
danke. Und das Geschaft Angebot klingt gross (hey
I’m being poetic, in German no less! Goethe look
out!) (…) And your English is just fine. I hope I didn’t
slaughter the German language“
der erste, der mir heute morgen zum geburtstag gra-
tulierte, war der mann vom jobcenter. per telefon. ist
das ein hinweis auf meinen fortschreitenden rückzug
in die eremitage des alters? oder auf die schrille wirk-
lichkeit eines übervollen lebens, trunken von musik?
ich lauschte den stadtrandvögeln nach, dem lärm der
autos, ungeduldig unten auf der strasse drängelnd und
den traumgedanken, die sich verloren, im morgenlicht
später ein frühstück im kreis von freunden, ein lied zur
gitarre, ein ausgiebiges bad in der wanne, ja. oui. yes
mood: forty-six. it’s all right
(and you? all-out, all-round, all-embracing? how are you?)
so sieht es also aus, wenn mein stress kleiner wird:
ich nehme schon am frühen morgen treppen in küh-
nen sprüngen, das allzeit-bereit-mobil ist aufdringlich
beredt, mein nebenherfrühstück ist – wie gewohnt –
nur kaltes wasser, das augenblicklich unaufschieb-
bar wichtige papier träumt unfindbar in irgendwel-
chen stapeln, ordern, bündeln irgendwo versteckt
man freut sich, hat auf mich gewartet; es wird um-
armt, begrüsst, geherzt, dass ich mich mehr und
mehr zuhause fühle. kein vorwurf, nein, kein rück-
sichtnehmen, keine übertriebene albernheit: so ist
es nach meinem geschmack. ich schlafe glücklich
und verborgen ein und träume unruhig, fragend. es
scheint tatsächlich alles ganz normal und irre. schön
peryton c/o georg hemprich
wesselburener strasse 1
24106 kiel
ich bin umgezogen. nächtliche autopannen sind mir
inzwischen gewohnt, so dass ich gelassen im funze-
ligen lampenlicht – zwischen den zähnen – das not-
wendige schrauben unter der motorhaube erledige
es ist wie es. es gehört zum weg. zurückgekommen
zwischen all den zetteln und notizen, dem ange-
stauten, angesammelten, dem kram und kruscht
der jahre liegt ein brief von dir, der reisst beim
auseinanderfalten, angeschmuddelt ist er, dass
teile kaum zu lesen sind; ich sollte besser nicht
ich räume auf und um, muss fortwerfen und hier-
lassen, muss mich entscheiden zum scheiden;
die morgenvögel vor dem fenster, die blöden tau-
ben, die vergebens auf dem klo zu brüten ver-
suchten, wieder und wieder (gestern hörte ich
ein nachbar habe begonnen, die eier zu sam-
meln und zu braten); es fällt mir schwer. heute
morgen, weisst du, hab ich oben am berg wasser
von einer quelle geschöpft und an dich gedacht;
es ist noch immer selbstverständlich, dass es in
mir drinnen nach dir fragt, manchmal mit einer
melodie, manchmal mit einem gedicht in sperri-
gen phrasen … beantwortet das deine fragen?
es ist zeit wegzuziehen, die schritte nachzuvoll-
ziehen mit bedacht, die so unbedacht gewesen
sind – wann hat man schon den mut, nach zehn
jahren noch einmal anzufangen? bedenken. be-
wahren. behutsam bleiben. achtsam sein … wie
wichtig mir die worte waren. wie wenig ich ver-
stand von dir und von mir
mensch, so viel leben haben wir gelebt, so viel
leben. und heute suche ich immer noch die reste
von erinnerung – das ist kaum vorstellbar, nicht?
du bist mir zu einem gefühl geworden, dem die
bilder fehlen, voll glück, mund und augen, voll
feuer, zunge, glut und schnee und eine welt von
schmerz
so schreib ich an dich in den raum hinaus, in dem
die persönlichen worte unfindbar geworden sind;
es muss gesagt sein, laut und ohne ausflucht: du
fehlst mir heute wie du damals fehltest, als ich
nicht lieben konnte, weil ich auf suche war nach
einer vergangenheit, blind gewesen bin, taub, ver-
loren und verzweifelt im suchen nach mir selbst;
du bist nie schuld gewesen. du warst der einzige
grund für mich zu überleben. beantwortet das dei-
ne fragen?
mensch, so viel leben war dort unter unserer
thymiansonne, unter unserem lavendelmond, so
viel dankbares leben
und dann habe ich ihm geschrieben, ob ich vielleicht
seine beerdigung verpasst hätte, sagt er und lacht
ein rollendes lachen. dann ein schluck aus der bier-
flasche, dann ein langer zug aus seiner zigarette und
noch einmal rollen töne nach, tief von unten herauf
glaubt mir, da habe ich mich zuhause gefühlt, habe
die decke fester um mich geschlungen und ihn ange-
schaut dabei, während draussen der schwarze regen
gegen die scheiben hämmerte, zorniger regen, erste
frühlingsflut, unsichtbar darüber der silberne mond
das kind hat einen namen bekommen – ein etikett? –
und einen sanften stoss: nun geh alleine weiter
ich geh (mit dank, mit mut, mit hoffnung im gepäck)
das draussen macht ein wenig angst, die angst ein
wenig müde; aber es ist meins: ende und anfang
„es ist tatsächlich so: musik verführt; aber vielleicht
verführt sie eben die falschen. ich verliebte und ent-
liebte mich in der folgezeit reichlich, wahrscheinlich
stets auf der suche nach ihr, einem stück ähnlich-
keit hinterhersehnend, immer wieder enttäuscht und
ernüchtert. jahrelanges träumen von wiederfinden
und abschied macht müde; traurig. sie fehlt mir ewig
in allem. und so billig das klingen mag: sie ist meine
sonne, mein atmen und eben auch mein schweigen“
mein lebensbericht; angst und hoffnung. ist mein
leben zuende, wenn ich von ihm berichtet habe?
und ich fürchte, von dir erzählen zu müssen, vom
gefühl allein gelassen zu sein, von meiner suche
nach dir in all den andern
sag doch, wo bist du und wo warst du gewesen?
das wasser streichelt mich. jeden tag gut eine hal-
be stunde lang, geliebter luxus, den ich mir nie
gönnte; anstelle von tränen. mein wasserwinter
nach draussen hin mache ich das gewohnte und
notwendige: sprechtheater. hier drinnen verzich-
te ich auch auf die worte. es fühlt sich komplett
falsch an, dies ende einer sackgasse in einer un-
bekannten, unfreundlichen stadt. weiss nicht, wie
es weitergehen kann oder wohin
würden sie sich nicht so stark kontrollieren, sagt
sie, wären sie psychotisch
erst bin ich verblüfft, dann lache ich, unhörbar, in
meinem kopf. war das ein kompliment oder teil ei-
ner diagnose?
es sind die rollen in dieser gesellschaft, die uns
krank machen. opfer, tat, macht, ohnmacht – in
den fragen unterscheiden wir uns nicht. und die
persönliche lösung alleine bewirkt keine verände-
rung
wild gestikulierend falle ich ins wort. und wache
auf. stosse die schwere decke von mir fort, krat-
ze mich. da schau her, denke ich, dich juckt der
hals? dich juckt der hinterkopf? du willst reden?
die bilder des traums sinken ins vergessen. bleib
dran, sage ich, das ist wichtig. dem weg des ge-
fühls folgend, ziehe ich sie in den vordergrund zu-
rück
du siehst müde und irgendwie erleichtert aus, hat-
te sie gesagt, gestern abend. jetzt kann ich nach-
fühlen, was sie meinte
deine augen als ein aquarell, im halbprofil, nah
und klar für augenblicke, bevor es sich auflöst
ins figurenlose
hinter den lidern flimmert meine nacht. vom fen-
ster treibt das geräusch des steten regens her
ich ringe meine abscheu gegen die mühevollen
atemgeräusche des zimmernachbarn nieder und
starre erneut einem müden morgen entgegen
einen hinterher getragenen konflikt nannte ich es
vor wochen. hätte vielleicht auch nachgetragene
liebe dazu sagen können, aber das schien mir zu
persönlich. zu treffend, auch. inzwischen ist ein
krebsgeschwür hingeschleppter schuld herange-
wachsen, schmerzensschwer, unübersehbar, un-
heilbar und so machtvoll anklagend, dass alle zum
schweigen gebracht sind. es macht mich wütend
es ist alles nicht schön, sage ich, und ich kann
jetzt nicht weiterreden, sage ich, der hals brennt
mir zu dolle. und: danke, dass du mich aushälst
sie lacht verhalten. sei nicht immer so streng zu
mir
ich bin nicht streng zu dir, ich bin froh, dass du in
meinem leben bist. aber das sage ich erst, nach-
dem ich aufgelegt habe
traum: eine person, an die ich mich nicht mehr
erinnere, kauft ein grosses gehöft, richtet in der
scheune ein museum ein und lässt – deshalb –
das haupthaus verfallen
wahrlich kein schöner anblick, am morgen, rotäugi-
ger; doch irgendwann werde ich dich mögen, mit
all deinen schatten, scharten und zerknitterungen
dein pinsel zieht den regenbogen übers firmament
du malst das meer und seinen atem, wenn der mistral droht
du malst die ankunft und den abschied und dein alter ins gesicht
dein himmel brennt im feuer, nicht im abendrot