Archive for November, 2005

[ schnee ]

Montag, November 28th, 2005

du bist mir ein warmer laib brot
herbstlaub bricht deinen blick
unter schnee liegen meine schritte

weine mir, winter
 

(magdeburg, 28. 11. 2005)


[ streit ]

Sonntag, November 27th, 2005

verlässlich ist
das verlassen
sagte sie

gleichwohl, sage
ich, das wiederkehren
in der zukunft
liegt


[ 25. november 2005 ]

Samstag, November 26th, 2005


 

warum?

es lag an den öffnungszeiten, dass ich keinen blick
auf ihre bilder werfen konnte und daran, dass ein
schnee drohte, so kam ich viel zu früh an, weit vor
der zeit am ziel, schälte karotten für den kuchen, ich
rieb sie fein, schnitt den kürbis für die suppe, freute
mich der ankommenden gäste, durstig genoss ich
zu früh zu viel zu gewagte kompositionen, fiel end-
lich auf ein ruhiges sofa, als die meisten noch in
heller freude tanzten

unbemerkt
 

foto: unscharf (I)
köln, 25. november 2005


[ thanksgiving day ]

Donnerstag, November 24th, 2005

dies: du wirst zwischen den fronten zerrieben
werden. der gegner ist dir übermächtig, aber
noch siehst du nicht. noch weisst du nicht. noch
willst du seinen namen nicht kennen
 

sie setzen dich an deinen platz, lächelnd. du
lächelst, sie lächeln. du fühlst dich wohl, sie
streicheln dich. du putzt dich. sie lachen. du
stehst auf, machst ein paar schritte, du
setzt dich. du putz dich. sie lachen. du er-
hebst dich, machst ein paar schritte. sie
nehmen dich auf, setzen dich an deinen platz
zurück. kein lachen mehr. kein entrinnen
 

(verstehst du mich?)


[ und ich ging wandern ]

Mittwoch, November 23rd, 2005



 

schon glaubte ich dich aus
meinen träumen herausgeschrieben
herausgesungen aus meinem
leben. aber du bist wieder da

kraftvoll, selbstverständlich ziehst
du mich an deine ufer, zeigst du dich
weisst du mich gut bei dir, warm
und unentwirrbar nah

habe ich dir je verraten, dass ich
manches mal überrascht bin vom
gedanken dich zu lieben? dem das
herz augenblicklich nachfolgt mit
einem späten schlag, mit einem
stillen taumel: ein mensch wird
geboren

und ich ging wandern in deinen
landschaften. die sommergärten
lockten mich mit blütenduft, die
brunnen luden mich zum spiel

pflücke mich, sagst du. und ich
pflücke dich
 

foto: heidelberg, 23. november 2005


[ sektenjagd – oder die vergebens nachgetragene liebe vertrockneter propheten ]

Dienstag, November 22nd, 2005

ein bisschen mehr bedacht
wäre manchmal angemessen
um zu vermeiden, dass es
– ach jeh! –
dass es noch peinlicher wird
 

da kam doch tatsächlich per email eine einladung der
inititative zur abschaffung der jagd zu einer jener mo-
natsveranstaltungen, die seit dem hausbackenen auf-
treten dieser ‹inititative› auf der medialen bühne dazu
geführt haben, dass das politische gewicht eines bis-
lang schwachen, aber dennoch argumentativ wahrge-
nommenen anti-jagd-widerstands nahezu gegen null
gesunken ist. was durchaus nachvollziehbar ist: keine
sekte kann das ethisch begründete argument der be-
freiung aller wesen glaubwürdig nach aussen vertre-
ten, wenn ihr glaubenszentrum totalitär ausgerichtet
ist, ihren protagonistInnen die nähe zu faschistischen
strukturen und denkmustern nachgesagt wird, die un-
terdrückung ihrer sektenglieder tägliche praxis sein
soll. das drängt die wenigen, zudem schwach vorge-
brachten argumente aus dem feld der ökologie ins un-
glaubwürdige, ins unwesentliche und verhindert da-
rüberhinaus einen gesellschaftlichen diskurs über
den umgang des menschen mit seinesgleichen und
’seiner› umwelt

ich fürchte also, den adressatInnen jener einladung ge-
fiel mein programmatisch gehaltener tagebucheintrag
‹vegan … na und?› dennoch so ausgefallen gut, dass
sie ihn vor lauter begeisterung missverstanden haben …

um dies endgültig aus der welt zu schaffen: ich koaliere
genausowenig mit sektenmarionetten, die sich dümm-
liche marketingparolen gegen jagd auf ihre werbefah-
nen geschrieben haben, um den warenkonsum der
hauseigenen produkte voranzutreiben, wie ich nicht mit
nazis gegen atomtransporte marschiere. beide beispiel-
haft genannten gruppen zähle ich zu meinen politischen
gegnerInnen und gehe entsprechend mit ihnen um


[ freiburgmorgen ]

Freitag, November 18th, 2005

«da jetzt alle rehe tot sind, hatte ich den wald ganz
für mich alleine»
 

von solch fröhlichen nachrichten geweckt, beginne
ich meinen tag nachdenklich, doch ausgeruht. der
morgen ist so grau, wie er grau sein will, in meiner
zahnbürste blitzt ein versteckter splitter fenster-
glas
und ich bin sicher, dass das augenpaar im spie-
gel ein perfektes beziehungsleben führt

später schiebt mir eine hocherwachsene mutter im
wiegenden schritt zufriedenen gealtertseins mit kin-
derwagen entgegen – sie starrt auf meine blossen
füsse, ich auf ihre grosspackung ‹öko-windeln›. spon-
tan verabscheue ich diese stadt in ihrer biederen
sattheit. es ist noch nicht gelungen ° – nein, wirklich
nicht

° – ogg; 3,6mb


[ dann werd ich singen (on a fait le compte) ]

Donnerstag, November 17th, 2005


 

wenn die nachbarskinder mit den flammen
spielen unter euern dächern, so wie wir damals
zündelten unter luftschutzdächern, unter rohem
holz im wald, in ruinenkellern, aber ohne arg

wenn sie gebrandmarkt haben, also
was euch wichtig schien

wenn sie den müttern gesagt haben, dass ihre
milch bitter schmeckte, niemals besser als die
schläge ihrer abendväter, wenn sie die schulen
besuchen, um fenster einzuwerfen mit büchern
in sprachen, die zu verstehen niemand sie
lehren wollte, wenn sie ausgespien haben
ihren zorn und fortgegangen sind, endlich
ohne traurigkeit

dann

werde ich meine lieder dazu singen, meine
brennenden lieder von der liebe und davon
dass der warnungen genug gewesen sind

seht ihr? seht ihr?
on a fait le compte
 

foto: la cage aux enfants
marseille, 22. dezember 2005


[ fünfzehnter november 2005, 07:28 ]

Mittwoch, November 16th, 2005


 

kalt zerklirrte dieser morgen, wie das glas
zerbarst er unter ihren schlägen: aufmachen
oder …! ein ganz normaler terrormorgen
mit splittern im hemd, splittern in den
haaren, im mund sogar – und mir stank
entgegen ihre wut, besonders später, dass
noch immer keine angst war, in mir

wer sagt, dass die freiheit noch schläft, in
diesem lande, lügt. ihr habt sie euch erfun-
den. deshalb – und ohne dank – zurück an
euch: da nehme ich doch lieber meine
eigene, die ehrlich ist und stark und deren
name nicht geschrieben werden muss mit
scherben und blut
 

15. november 2005, 7:28 uhr

anlässlich der fahrzeugkontrolle auf einer bayerischen
autobahnraststätte schlug ein polizist die scheiben zweier
autofenster ein. anschliessend wurde ich wegen ‹wider-
stands gegen die staatsgewalt› festgenommen und – mit
handschellen gefesselt – in einen jener neubauten ver-
bracht, mit denen die deutsche staatsgewalt in jüngerer
zeit zunehmend städtebaulich in erscheinung tritt. etwa
anderthalb stunden lang blieb ich an eine sitzbank geket-
tet, bevor ich meinen anwalt anrufen konnte

ein ganz normaler vorgang, wie ein polizist später erklär-
te. ach, fragte ich ihn, das ist für menschen wie sie normal


[ die jagd ist offen ]

Freitag, November 11th, 2005


 

morgeneifer einer stadt brüllt durch den nebel
von einer krähe kommentiert, die vorüber zieht
– der tinnitus der zeit weckt mich, sehnend nach
verloren gegangener ruhe, fern der häuser

als das aufwachen noch geholfen hat, waren
die schrecken der träume vertagt: nein, kind
das hilft nicht mehr. du bist schwarz. du bist
die krähe und die jagd ist offen. es gilt, sie wahr
zu nehmen, bevor sie bei dir angekommen sind
 

foto: krähe am pranger
bei pont d’aubenas, 03. september 2005


[ banlieue ]

Donnerstag, November 10th, 2005

diese alte frau
der das leben ein lachen
ins gesicht gerissen hat
wie eingenagelt

der eiserne strich mit dem
feuerhaken durch die asche
ohne einen sinn

gestern war es
– war es erst gestern? –
dass wir aufgewacht sind, nebeneinander
ohne ein gefühl von angst
aber voller lust und der gewissheit
dass wir siegen

lass uns
einen neuen anfang machen, liebste:
brennen wir die kirchen nieder
nehmen wir
– als erstes –
den kölner dom
?

aus: gestern war es (part VI)

-> audio: ogg (0,8mb)


[ leben wie gott in frankreich ]

Dienstag, November 8th, 2005

nach dem staunen über die früchte, die
aus dem asphalt hervorwuchsen, die den
beton zersprengten wie rost
– eine syphillis der vorstadt hat die lust
gepackt und fickt sich frei in feuernächten

nach dem staunen über die wut, die sich
doch nicht abspülen lässt wie den schmutz
der saunageschäfte, das staunen also
dass der kleben bleibt wie rotz und pöbel
– auf postkarten steht la tour eiffel
in flammen

nach all dem schweigen kündigen sie
nun an: ordnung und sicherheit werden
wiederhergestellt



[ pre-audio: comme à marseille ]

Montag, November 7th, 2005

eines der neusten peryton-chansons als preaudio, akusti-
scher ausblick auf unsere neue platte, die im frühjahr 2006
erscheinen soll: ‹comme à marseille› (text)

erster gesang und gitarre aufgenommen in den raisdorfer
honky-studios am 30. oktober, flöte und zweiter gesang am
vergangenen samstag, 05. november 2005

die beteiligten musikerInnen sind: georg hemprich (erster
und zweiter gesang, gitarre, lyrik, komposition, arrange-
ment), julia m. borkert (tenorflöte, zweiter gesang, arrange-
ment), heiko ‹honky› harmsen (aufnahme, premix, arrange-
ment). und am bass hört ihr meinen freund und kollegen
daniel verdier aus marseille/freiburg, der gleichfalls für das
arrangement des stückes mitverantwortlich ist
 

‹comme à marseille› (premaster) (ogg; 5,0mb)


[ vegan … na und? ]

Samstag, November 5th, 2005


 

es ist an der zeit zu berichten, was sich tut, mit, neben
dem wenigen, das ich täglich in verschlüsselten worten
berichtete: ich schreibe zu viel, ich komponiere zu viel
und ich bin zu sehr in streits verstrickt, die mir aufge-
bunden werden, wie fremde bündel fron, die lasten
anderer. es ist der kleine streit um die wahre, die einzig
wahre wahrheit eures komplizierten seins, das ihr ‹vegan›
nennt, so vermute ich, denn bis ins letzte habe ich noch
immer nicht begriffen, warum ihr fronten aufgebaut, wider-
sprüche eingegraben habt wie einen schatz – ummauert
habt ihr euch. was an mir ‹unrein›, ist an anderen normal
– so wird das ungleiche mass an mir zerbrochen. was das
vertrauen nicht gestärkt hat, in meine ‹ungetreuen›, son-
dern zerbrechen liess: ich trennte mich von jenen, die
mich zu vereinnahmen suchten

ich lerne nicht eure vokabeln des hasses, ich werde eure
sprache niemals sprechen und wurde hart belehrt, dass
ihr die meine nicht erfassen könnt. ich lebe vegan … na und?
nicht ‹besser› und nicht ’schlechter› auch als jene, die da
draussen ihre welt mit eigenen konflikten zu bestehen, zu
gestalten suchen – die ich berühren will mit meiner kunst
und mit dem zauber, den ich lebensliebe nennen kann

wenn euer handeln ‹radikal› sein soll, weiss ich, warum
die eine revolution, die kommen muss, so lange auf sich
warten lässt: weil ihr den mut nicht hab, an euch zuerst
zu finden und zu ändern. adieu, ihr falschen freunde. ich
bin gegangen, aber nicht allein. mein kampf, mein weg
geht unverändert weiter – hört ihr? – unverändert
 

foto: regen (I)
marseille, 15. oktober 2005


[ kein idyll: clichy-sous-bois ]

Freitag, November 4th, 2005


 

gewalt war nötig, all das zu erreichen
gewalt wird nötig sein, es zu erhalten

gestern habt ihr den wind bekämpft, das
wasser, den berg und wieder den wind

morgen werdet ihr gegen eure eigenen
kinder ziehen, blind vor zorn, blind. bis
rot gebrannt sind alle steine, bis un-
sichtbar, was daran liegen muss

und rot ist die spur der tage

barfuss durch ein fremdes land
finde ich mich nirgends ruhend
an jedem ufer wartet ein schiff
 

foto: kein idyll. montelimar, 14. oktober 2005


[ mach’n punkt ]

Mittwoch, November 2nd, 2005

nun schau doch mal

mach einen punkt
noch einen und
dann lass weiterleben

wir, du und ich, sind jene zwei
die keine kinder kriegten, weil uns
die zeit nicht reichte, sie zu
… gestalten

ich bin nicht traurig
nein, ich bin nicht eingebrochen, aber
alle brücken. doch meine knochen
hielten, hielten fest

ich hab gelebt, ich hab geliebt
und einsam ist nur, wem die träume ins
vergessen fall’n
… du weisst?

so sei’s getan

mach deinen punkt
den andern dann und
lass uns noch mal scheitern

irgendwann