Archive for Januar 2nd, 2006

[ schneetreiben und abgeschmackte katastrophen ]

Montag, Januar 2nd, 2006

ihr wähnt mich noch im süden, dabei bin ich längst in
den norden geschliddert, auf umwegen. hatte meine
teilnahme auf dem jugendumweltkongress ‹jukss›
verweigert mit dem schlagenden argument, dass das
eine jugend- nicht aber eine seniorenveranstaltung sei
– und traf bei einem zwischenstop ihn; nein, anders
herum: er mich. doch nach zwei tassen kaffee musste
ich leider weiter

kaum angekommen, im norden, brach eine schnee-
flut übers land. ich wachte auf in grönland, quälte das
auto wenige meter durch hohen schnee bis an einen
kleinen hang … und dort rodelte es davon, ohne zö-
gern, ohne halt bis in ein weiter unten geparktes au-
to. beul, sagte das und der besitzer, der vielleicht den
schrei seines babys vernommen hatte und alsbald
erschien, mutierte – so schloss ich aus seiner mimik –
zu einem verfechter der todesstrafe (was natürlich
nicht stimmt, hier aber gut hingepasst hat)

das alles mag uns ärgerlich erscheinen, doch lange
nicht erreicht es den rang der ‹katastrophe›. zumal
du weisst: dem homo sapiens neuster zeit gelingt die
grösste katastrophe erst perfekt in selbstorganis-
ation. und weil er auf gewinn hin strebt, ist der erfolg
am schönsten, wenn er auf seine eigne seite fällt. was
kurz gefasst bedeutet, dass der beschissne wahrhaft
glücklich ist nur in der eignen scheisse

man kann über die aktivitäten der sekte ‹universelles
leben› nicht nur im deutschlandfunk hören; nein, ich
erfuhr gestern von einer art ‹ul-einsteige-seminar›
auf dem ‹jukss›. es macht mich wütend, weil und dass
es denen überhaupt gelingen konnte, dort ihr verloge-
nes zu wort zu erheben. ihr habt gelost, ihr nachwuchs-
linken! ihr habt versagt, die chance vertan, die neuen
grenzen dort zu setzen, wo sie gesetzt sein müssen

in meinen augen setzt ihr die tradition der alten fort
– und seid nicht besser. mein bittres kompliment!

ich frage mich, ob und wann das erfolgreiche ausbrei-
ten der anthroposophen, die länger etabliert, am öko-
markt erfolgreicher und in der gesellschaft besser ak-
zeptiert sind als ‹ul› – besonders in linksintellektuellen
kreisen – die marktmacht des (erklärtermassen nicht
veganen) anthroposophischen biolabels ‹demeter›
sowie die lüge von der freiheit ihrer waldorf-taliban-
schulen endlich ein thema zum diskurs wird und end-
lich angriffsziel zum handeln; aber wie das aktuelle ge-
haben auf dem ‹jukss› befürchten lässt, wird es wohl
nicht

wie einfach war es doch bisher: öko war bio und bio
war gut … vorbei. überall ist gabi. oder rudi. oder ein
neuer papst. was sollen sie jetzt noch fressen, die
veggies, die selbstbestimmten, die links-emanzipiert-
bewegten und woran sollen sie noch glauben?

das neue jahr erwischt die jungen kalt mit alten kata-
strophen

(prost!)
 

nachträge (aktualisiert am 11.04.2009) findet ihr
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