Archive for Februar, 2006

[ kamika(t)ze ]

Dienstag, Februar 28th, 2006

dass ich noch lebe, ist vielleicht ein glück; allerdings ist dies
auch eine frage des standpunkts und der sympathien …
jedenfalls bemerkte ich das glatteis erst, als ich knapp vor
der kurve stand und viel zu schnell. genau genommen war
es keine kurve, sondern ein verkehrskreisel – und wie ich
da heil hindurch gekommen bin, bleibt mir ein rätsel, das
gegen die gesetze der physik zu lösen ist. dass ich schlag-
artig hellwach war, weiss ich noch, dass ein fuss auf der
kupplung tippelte, dass ich mit nur zwei fingern das lenk-
rad dirigierte wie meine lebenssymphonie … und dass am
ende nur fragende verwunderung war, keine angst

‹hunger›, lag im mauzen der katze und ‹hunger!!!› brüllte
sie, nachdem ich ihr zu essen gegeben hatte. aber ich
kenne sie schon lange. am telefon erfuhr ich, dass das
miese stück eiskalt eine show abgezogen hat, auf die ich
– schlauer vogel – nicht hereingefallen bin. naja, nicht so
richtig, jedenfalls. nur dreimal

schnee senkte sich herab wie gnädiges vergessen, kaum
dass ich angekommen war. so still ist es geworden, am
ende der welt, friedlich fast. ich werde das auto ein paar
tage stehen lassen, werde so tun, als ob es keine termine
gäbe, keine erwartungen, nur stille und musik. ach ja –
und den tierischen hunger, unüberhörbar


[ harfen, pauken, schurkenpläne ]

Donnerstag, Februar 23rd, 2006

‹ich hab was schönes›, sage ich anstelle eines morgen-
grusses. ‹du hast sex gehabt?› fragt seine telefonstimme
dünn. ‹in meinem alter?› ich spiele ein gequältes lachen
er spielt wissend und ich äussere anhand der hinter-
grundgeräusche die vermutung, er zupfe nebenher
verzagt an seiner gitarre wie …

‹ernsthaft›, sag ich, ‹ab diesem morgen wird dein leben
wieder bunter sein. lass deine genitale harfe sinken, jetzt
packen wir die pauke aus› und erzähle ihm von meinem
plan, der mich seit vergangenem abend begeistert: ‹wir
lachen uns weg und fahren eine zweite ernte ein›

leider – ich kann heute nicht mehr über unser gespräch
an diesem musikalischen morgen berichten, aber ihr
werdet es ganz sicher bald erfahren. wie immer hier, in
diesem worttheater

[ stille in azur ]

Mittwoch, Februar 22nd, 2006

eine stille in azur steht über diesem platz
eine abendamsel klingt aus leeren ästen
der falsche ton zur kargen mimik einer
strassenbahn. sehnend lausche ich

‹einen schönen frühling›, dem müllsammler
gewünscht, reisst seinen vollbart auf zu
einem lachen. der vogel wird verstummen

die stille in azur, die abendamsel
ich atme ein
 

(bismarkplatz, heidelberg, 20. februar 2006)

[ la boule auf der mathildenhöhe ]

Dienstag, Februar 21st, 2006


 

eben war die sonne da, sagt der boule-spieler, lacht
und wendet sich wieder seinen spielgefährten zu

über der mathildenhöhe standen wolken, die kugeln
rollten unter den platanen über sand. während es denen
fröhlich um millimeter ging, war ich des rechten
lichtes wegen angereist, um noch einmal fotos zu
machen für das neue album. aber die wolken standen
grau über den bäumen, liessen die sonnenstrahlen
erst hinab, als ich – enttäuscht – auf meinem rückweg
war

eben war die sonne da, sagte er also, als ich zum
zweiten mal vor ‹meinem› baum aufstellung nahm und
wie hingerufen erglühte sie ein letztes mal im untergehn
niedersinkend hinter einem horizont aus mauern und
zweigen, geradezu niederträchig schien sie mir

na warte, blöde gelbe kugel, ich erwisch dich noch
 

foto: 139
mathildenhöhe, darmstadt, juni 2005


[ wenn ein tag beginnt wie jeder ]

Montag, Februar 20th, 2006

wenn ein tag beginnt wie jeder tag zuvor mit einer
schalen dunkelheit, doch die vögel da draussen flöten
feierlich, als ob’s ein ganz besond’rer wär
dass du angst hast, mit mir zu reden, sagst du
und ich schweige vor mich hin, weil ich erschrocken bin

wenn mir die worte um die ecken fliehn
bevor ich einen letzten satz sagen kann
wenn du hinausgegangen bist und ich lernen muss
das war ein abschied, soll das heissen, du kommst
nicht mehr zurück

ich weiss nicht, ich weiss nicht
ich weiss nicht, wie es uns da geht

wenn ich mit dir rede, ganz normal wie immer eigent-
lich, wir lachen, wir sind irgendwo und irgendwann und
irgendwie passen wir nicht hin
das ist nicht ungewöhnlich, denn ich passe nie und nirgendwo
alles ist so gewohnt und dann wach ich einfach auf

ich weiss nicht … wie es weitergeht

wenn sie morgens dich in deinem auto wecken, ‹papiere
her oder es knallt!› und schon kracht alles ein, tausend
glitzerscherben, sie schlagen deine scheiben ein
sie bedroh’n dich mit waffen, sie bespei’n dich mit worten
sie ketten dich an, weil du fragst ‹warum?›

doch dass du keine ehrfurcht zeigst, das macht sie krumm

und ich weiss nicht, ich weiss nicht
ich weiss nicht, wie lang es so noch geht

wenn mir die worte um die ecken fliehn
obwohl ich nur diese eine frage fragen muss
wenn du hinausgegangen bist ohne reinzugehn
ohne gruss, ohne rückweg, ohne eine last

du, dann weiss ich nicht, du, dann ich weiss nicht
dann weiss ich nicht mehr, wie es dir geht


[ no reply ]

Sonntag, Februar 19th, 2006


«…dieser winter ist wohl nicht nur für charly
schwierig!» (f. via email, 06. februar 2006)

 

es ist nicht so, dass ich nicht häufig an dich
dächte, nein, mein schweigen täuscht; ich
schreibe nur nicht


[ mann mit pferd ]

Samstag, Februar 18th, 2006

heute erinnern wir uns daran
was gestern übersehen war

es sind dies die morgenmomente des
erkennens. und des verlorengebens

manchmal will ich mit dir reden, sagst
du, aber ich habe angst davor

du ahnst nicht, wie nah du mir
gekommen bist. und geblieben

foto: mann mit pferd
salzauer mühle (1996)
aufnahme: cosima fuchs © 2006

[ stadtansichten III ]

Freitag, Februar 17th, 2006

wasserwerfer spülen demonstrierende vor
sich her, hörten wir über den freien radiosender
während unserer mittagspause, drinnen
zwischen den referaten über die rechte von
tieren. fussspuren fliehender, draussen
im zusammengesackten schnee, die
wasserwerfer spülen alles fort in frontline
zu den neuen nazis. hunderte, die sich sammeln
draussen. zwei grad über null. fliehende
retten ihre reste trockener kleidung
in häusereingänge; zu weit entfernt
diskutieren wir in überhitzten räumen
über die rechte von tieren, die
es nicht geben kann. nicht
so. so nicht

der fluchtweg ist niemals
ein pfad zur lösung
 

(hamburg, februar 2005)


[ stadtansichten II ]

Donnerstag, Februar 16th, 2006

hafenlichter in lee
eisnadeln treffen mit den harten böen
das abfahrende fährschiff rührt auf
den braunen schlamm, grüne gischt
wirft meinen kragen hoch, worte
fliegen davon wie losgerissene
fahnen über dem schwankenden steg
hölzerne scholle, an dessen ende
das meer beginnt

zurück will ich
auch wenn uns das ankommen
trennen wird, ich weiss es, ich
kenne das schon

eisnadeln im atem
hafenlichter in lee
schmerz in den augen
 

(hamburg, februar 2005)


[ stadtansichten ]

Mittwoch, Februar 15th, 2006

unter uns liegt die stadt
das farbige bild der autobahn zur einen
dunkel im dunkeln das monströse denkmal
zur anderen
himmel in grauorange, darüber
schwammiger schnee
ein pärchen am rand
dort eine gruppe
ein amphitrisches rund auf der kuppe
mit dem schlitten hätten wir abfahren können
so glitschen wir auf sohlen
halten uns nicht an den händen
zu weit entfernt
bald erneut eingetaucht
zwischen die rauchigen mauern
zurückgekehrt

wir halten uns nicht
an händen
 

(leipzig, februar 2005)


[ winterbild II ]

Dienstag, Februar 14th, 2006


 

dann bist du aus dem bild herausgelaufen
oder ich habe den blick abgewandt. ein foto
ist geblieben. der geruch des schnees. gelbe
sonne. und einsamkeit fällt aus den zweigen
wie kalter atem
 

foto: peryton-archiv. tettnang, winter 1981


[ kulturenstreit. keine heimat ]

Sonntag, Februar 12th, 2006

es ist keine hartnäckige erkältung, die mich gepackt
hält, beschliesse ich, es ist der untaugliche versuch
einer winterruhe, frierend unter drei decken. wozu
hinausgehen, wenn im radio von schnee berichtet
wird, der sich zu katastrophen stapelt, wenn vor
den türen müll sich stapelt, als ein zeichen des lang
schon fälligen streiks und wenn sich an den toren
europas neue armeen aufstapeln, um sich zu neuen
kriegen zu formieren?

sollte ich dieses kalte land einmal verlassen, dann
nicht, weil ich den kampf verloren gebe, sondern weil
niemand blieb, bei dem ich bleiben wollte

aber unser künstler mit prädikat, seine majestät
günter g., formte unter seiner schellenmütze
klingende worte zum brennenden kulturenstreit, je-
nem unsäglichen gemetzel um billige satire. und
ich musste ihm zustimmen! recht hat er! – in einigen
teilen, jedenfalls – ich war erschrocken: ist es bei
mir nun auch so weit? gehöre auch ich hinein, mitten
hinein in dieses theater? stetes klopfen formt den
stein, das ist selbst mir gewiss

im steinbruch der kultur schürft deutschlands krone
nach kongolesischer erde. morgen schlägt man die
hacken zusammen, hebt buckelnd hüte ab und für
ein widerwort zieht man das strenge lineal über die
fingerspitzen: vergessen ist der bleierne herbst mit
diesem bleiernen winter

sollte ich das land verlassen, dann nicht, weil ich den
kampf verloren gab, sondern weil keiner übrig blieb, um
ein zuhause zu streiten, um kultur zu streiten, weil
keine freiräume blieben, weil keine heimat blieb


[ samedi II ]

Samstag, Februar 11th, 2006

mit den vögeln erwacht, die glaubten, sie könnten
singen (sie täuschten sich einen frühlingsmorgen)
mit einer zwanzig jahre alten kassettenaufnahme
entschieden, einen spagat zwischen den jahren zu
wagen (erschreckt und erfreut zugleich), mit wagners
‹tristan› in der badewanne eingetaucht, wie in einen
jungbrunnen (aber es war keiner)

heute ist der tag, an dem ich gesund werde, sage ich
zu l. (sagte ich das?), doch sie hört nicht zu, aufge-
regt plappernd, weil es an ihrer tür geklingelt hat, der
bruder einer freundin, der so gut aussehe und ‹ach
scheisse, ich hab nur eine jogginghose an›. zieh sie
aus, sage ich, das wird ihn beeindrucken

heute ist der tag, an dem ich gesund werde, denke
ich, lege das nasse telefon zum trocknen auf den
ofen, werfe zwei holzscheite in die glut, lege mich
erneut ins bett und schlafe sofort ein. immerhin: die
freundlichen träume sind zu mir zurückgekehrt


[ der vergebliche zorn angepinkelter gartenzäune ]

Dienstag, Februar 7th, 2006


zuerst: das kommentieren im peryton-weblog und im gäste-
buch ist wieder unbeschränkt möglich

die sprachlich und inhaltlich wenig berückenden kommentare
haben aufgehört, die aufgrund ihrer ip-adresse zweifelsfrei an-
gehörigen der totalitär-faschistoiden sekte ‹universelles leben›
zugeordnet werden konnten

zukünftig eingehende kommentare dieser fragwürdigen ‹qualität›
werden gesammelt und besonders ‹ausgestellt›. ausserdem werden
sie den gerichtsakten jenes verfahrens beigefügt, in dem der justi-
tiar der genannten organisation zu beweisen versucht, was für ein
‹gefährlicher straftäter› ich – der allzeit freundliche peryton – bin

advokätchen – ein kantiges wort an jenen, der vermutlich in die-
sem weblog nicht nur selber liest, sondern auch zu kommentieren
versucht oder marionettengleiche schergen dazu anstiftet: so
viel misserfolg hält ihre alte galle nicht aus. das alles ist ihnen
ein, zwei, viele nummern zu gross. ausserdem werden sie mit
libertärer schreibkultur so ihre schwierigkeiten haben, die nicht
einzig im bereich reinen sprachverstehens liegen – nicht wahr?
rechnen sie mich zu jenen menschen, die sich durch leute ihres
schlapperschlages nicht er- und auch nicht abschrecken lassen
… aber es kommt gar schlimmer noch: wir werden siegen

allen, die mehr wissen wollen, sei versprochen: es gibt eine menge
neues zu berichten – und ich werde das bald tun


die anderen lassen sich davon – bitteschön! – nicht weiter be-
eindrucken. sie sind eingeladen, sich in meinen weblog wieder
wohlzufühlen, ohne den vergeblichen zorn angepinkelter
gartenzäune ernst nehmen und ertragen zu müssen

[ katze ]

Montag, Februar 6th, 2006


 

schläft sie? ja, heute schläft sie

einmal verirrte sie sich (in einer silvesternacht)
einmal fiel sie in den schacht eines toten mühlengewerks
einmal kehrte sie nicht zurück von der jagd: gejagt

so schläft sie in meiner erinnerung
so sucht sie mich in träumen
so schläft sie
 

scan: kohlezeichnung. lindau, november 1990


[ winterbild ]

Sonntag, Februar 5th, 2006


 

[ samedi ]

Samstag, Februar 4th, 2006

die schreibmaschine, schwarz und schwer, ist
zu mir zurückgekehrt. sie steht in staub, in
rost. ermüdet scheint sie, resigniert

ich will nicht von vorne beginnen; steif sind
meine finger

eine tür schlug zu, kalt schweigt ein flur, grau
steht atem vor dem mund. dieser morgen ist
aufgebrochen wie ein gedicht


[ mc rap und der paparazzi ]

Freitag, Februar 3rd, 2006


 

petze petze ging in’n laden, wollte ein paar hm hm haben …
 

na, freund, willste dein kleines geheimnis selber ver-
raten, oder soll ich das machen? (du weisst, ich nenne
ein schamloses lottermaul mein eigen)
 

foto: mc albino
kiel, januar 2006


[ im focus: neander ]

Donnerstag, Februar 2nd, 2006


 

der heidelberger kleidermacher ’neander› in seiner werkstatt
 

foto: im focus: neander
heidelberg, april 2005