im frühling
lernte ich nichts
falsch zu machen
im sommer
lernte ich bei mir
allein zu sein
im herbst
lerne ich die
höhepunkte
und
im winter
stellen sich
die fragen
neu
im frühling
lernte ich nichts
falsch zu machen
im sommer
lernte ich bei mir
allein zu sein
im herbst
lerne ich die
höhepunkte
und
im winter
stellen sich
die fragen
neu
nie waren die fragen so klar wie an diesem
morgen; ein erster nebel hob sich von den
zerstörten feldern auf
nie waren die flüsse breiter als im land un-
seres vergessens; hinter den grenzen, dort
die roten wolken sind blutender rauch
wo bist du? rede, damit ich dich sehe;
höre, dass ich mich finden kann bei mir
nirgends waren die felsen so steil wie in den
städten unserer einsamkeit; das erste licht
fällt in eine kalte wiege, auf kuscheltiere mit
lebendigen mündern, die erzählen einem
fremden nichts
wo bist du? halte mich, halte mich
nie waren die fragen dringlicher angesichts
vergessener fluten, angesichts ausgewein-
ter fensterhöhlen in den strassenschluchten
unserer heimat, irgendwo in den kellern un-
serer verschwiegenen kindheit, irgendwo
am ende unserer gottverdammten scham
wo ist sie? wo ist sie?
gib mir meinen seelenmantel zurück, leben
gib mir das mondlicht mit einem fingerschnip-
pen wieder, gib mir die ruhe einer kalten
nacht, einatmen, ausatmen, ein trinken an
deiner mutterbrust, geliebte, drei schritte
an deiner hand durch den wald, mein blin-
der vater, und dann, endlich, ein erwachen
wo bist du? liebe mich, liebe mich, du, liebe
mich makellos, unserer heimat fern oder nah
allen fehler zum trotz; verlasse und verzeih
friedrichshafen, 02. oktober 2009
nicht wählen gehen ist keine schande; wählen ge-
hen ohne genau zu wissen was, wen und warum
aber schon. wählen gehen und erwarten, dass sich
„etwas zum guten ändert“ ist im schlichtesten fall
naiv, aber – keine sorge – ganz normal. ja, herr
nachbar, ja, frau nachbarin, so machen’s doch alle
„nichtwähler und nichtwählerinnen sind daran
schuld, dass die bösen rechten drankommen“
blödsinn. dieses märchen kenne ich schon seit
jenen jahren, als die cdu/csu zur „sammelpartei
aller rechten“ ausgerufen wurde. die npd war in
einigen länderparlamenten überraschend stark
geworden (1966: hessen 7,9 %, bayern 7,4%;
1967: bremen 8,8%, niedersachsen 7,0%, rhein-
land-pfalz 6,9%, schleswig-holstein 5,8%) und
konnte in baden-württemberg – anlässlich der
landtagswahl am 28. April 1968 – sogar 9,8 pro-
zent aller wahlstimmen auf sich vereinigen. doch
der christlich-bürgerliche sammlungsruf brachte
den erwünschten erfolg, die „nationaldemokra-
ten“ flogen wieder aus den länderparlamenten
raus und die cdu/csu-fraktion erstarkte. wohl-
gemerkt dank der stimmen jener rechten wähler
auch der christlich-soziale slogan „freiheit statt
sozialismus“ stammt aus jener zeit. und so hat
sich alles bis heute grandios entwickelt: die frei-
heit ist unwiderbringlich futsch, der sozialismus
auch. klasse gemacht, herr und frau wahlstimme!
das rechtsextreme wählerInnenpotential dieser
jahre wurde auf etwa 15 prozent geschätzt –
das hat sich gehalten und sein anteil wächst
dass sich heute die neonazis ziemlich ungeniert
und ungestört in der öffentlichkeit zeigen, sowie
mit rassistischen parolen wahlkampf machen kön-
nen ist vielleicht ein wenig blöd und sieht nicht
schön aus, gell? aber es ist doch auch ihr ver-
dienst, herr und frau wählerIn, weil sie so fleissig
mitgemacht haben. toll!! schliesslich ändert sich
alles zum guten – wenn wir nur lange genug dran
glauben und oft genug davon reden. ja, wenn
wir reden und – bitteschön!!! – passiv bleiben
was gibt’s hier zu glotzen und zu heulen im land?
das ist euer sumpf, in dem die kleinen rudern! ka-
putte alte haben miese kinder – oder anders he-
rum: der junge apfel fault nicht weit vom alten
stamm. ist das so schwer zu verstehen für die ge-
neration der besser-gebildeten nachkriegskinder?
da geht ein kleiner los und haut mit einer axt um
sich, macht alles kaputt, was ihn kaputt gemacht
zu haben scheint – ein ungeheuerlicher vorgang?
ungeheuerlich ist, dass sofort nach mehr kontrol-
le, nach mehr überwachung geschrien wird; das
geht nicht, frau merkel. das geht nicht, herr schäub-
le. nicht so. draufhaun macht die schmerzen nicht
kleiner. und so zu tun, als ob ein mehr an gewalt
hülfe, macht die axt zum abendlichen kindergebet
weil im abhängigkeitssystem wahnsinniger eltern
die brutalen alten trotzdem heilig bleiben, müssen
mitschülerInnen und lehrerInnen dran glauben –
das ist die innere logik einer gesellschaft im krieg
immerhin spricht ja der innenminister das unwort
inzwischen aus: „krieg„. nachdem es sogar aus
den gleichgeschalteten medien nicht mehr heraus-
zuhalten ist – weil die kritik in der bevölkerung zu
laut wurde. also spricht schäuble jetzt davon, als
ob er schon immer … und er sagt, dass wir keine
panik haben müssten, vor den anschlägen afgha-
nischer „terroristen“ in deutschland – als ob nicht
er der erste gewesen sei, der diese panik geschürt
hat. reiner wahnsinn, sage ich, an dem der schäub-
le zwanghaft festhalten muss, wie jene eltern, die
am gelernten festhalten, bis die kleinen in notwehr
zur waffe greifen – um dann die kugel zu kriegen:
kinder haben keine wahl und haben keine stimme
apropos: es wird wahlen im goldglanzland der de-
mokratie geben, die so sehr demokratisch abzu-
laufen drohen, dass sich die ‚osze‘ (organisation
für sicherheit und zusammenarbeit in europa) ge-
nötigt sah, zur wahrung von demokratie und men-
schenrechten zwölf vertreterInnen zur beobach-
tung herzuschicken, am sonntag, den 27. septem-
ber 2009. allerdings werden die nicht zugelassen-
en parteien trotzdem nicht zur wahl stehen. tja …
was nicht schlimm ist, sage ich, denn wer den mut
hat, diesem system eine wahlstimme zu geben, der
muss auch reichlich mut haben, die verantwortung
dafür zu übernehmen, wie mit dieser stimme umge-
gegangen wird. soll heissen: wer den krieg gewählt
hat, ist für ihn verantwortlich – und also auch für
alle daraus resultierenden folgen. so verantwortlich
wie für den umgang mit der eigenen vergangenheit
womit wir wieder beim anfang wären und ich zum
schluss kommen kann, denn, so wissen wir, geht
aller anfang stets auf’s ende zu, ohne entkommen:
das problem ist nicht die gewalt der jugend; es sind
die eltern, die mit aller gewalt das gelernte halten
mitten im beantworten meiner emails fuhr der eben
erst reparierte pc alle prozesse herunter und war tot
die post bleibt also noch ein wenig länger liegen, aber
der neue rechner wird vermutlich all das bewältigen
können, was aus technischem unvermögen heraus im-
mer wieder aufgeschoben war; heisst: ihr werdet bald
mehr von mir zu hören, zu lesen und zu sehen kriegen
gut?
“ landsleute!
es ist sicherlich das letzte mal, dass ich mich an
sie wende. die luftstreitkräfte haben die sende-
anlagen von radio portales und radio corporation
bombardiert. meine worte sind nicht von bitternis
geprägt, sondern von der enttäuschung; sie sind
auch die moralische züchtigung derjenigen, die
den eid, den sie geleistet haben, gebrochen ha-
ben: soldaten chiles, amtierende oberbefehlsha-
ber und admiral merino, der sich selbst ernannt
hat, der verachtungswürdige general mendoza
der noch gestern der regierung seine treue und
loyalität bezeugte und sich ebenfalls selbst zum
generaldirektor der carabinieros ernannt hat. an-
gesichts solcher tatsachen kann ich den werktä-
tigen nur eines sagen: ich werde nicht zurück-
treten
in eine historische situation gestellt, werde ich
meine loyalität gegenüber dem volk mit meinem
leben bezahlen. und ich kann ihnen versichern
dass nichts verhindern kann, dass die von uns
in das edle gewissen von tausenden und aber-
tausenden chilenen ausgebrachte saat aufge-
hen wird. sie haben die gewalt, sie können zur
sklaverei zurückkehren, aber man kann weder
durch verbrechen, noch durch gewalt die gesell-
schaftlichen prozesse aufhalten. die geschichte
gehört uns; es sind die völker die sie machen
werktätige meines vaterlandes! ich möchte euch
danken für die loyalität, die ihr immer bewiesen
habt, für das vertrauen, das ihr in einen mann
gesetzt habt, der nur der dolmetscher der gros-
sen bestrebungen nach gerechtigkeit war, der
sich in seinen erklärungen verpflichtet hat, die
verfassung und das gesetz zu respektieren und
der seiner verpflichtung treu war. dies sind die
letzten augenblicke, in denen ich mich an sie
wenden kann, damit sie die lehren aus den er-
eignissen ziehen können
das auslandskapital, der mit der reaktion ver-
bündete imperialismus, haben ein solches kli-
ma geschaffen, dass die streitkräfte mit ihren
traditionen brachen, mit den traditionen, die
ihnen von general schneider gelehrt und von
kommandant araya bekräftigt wurden. beide
wurden opfer derselben gesellschaftsschicht
der gleichen leute, die heute zu hause sitzen
in der erwartung, durch mittelsmänner die
macht zurückzuerobern, um weiterhin ihre pro-
fite und privilegien zu verteidigen. ich wende
mich vor allem an die bescheidene frau unserer
erde, an die bäuerin, die an uns glaubte, an
die arbeiterin, die mehr arbeitete an die mut-
ter, die unsere fürsorge für die kinder kann-
te. ich wende mich an die angehörigen der
freien berufe, die eine patriotische verhaltens-
weise zeigten, an diejenigen, die vor einigen
tagen gegen den aufstand kämpften, der von
den berufsvereinigungen, den klassenvereini-
gungen angeführt wurde. auch hierbei ging es
darum, die vorteile zu verteidigen, die die ka-
pitalistische gesellschaft einer kleiner anzahl
der ihrigen bietet. ich wende mich an die ju-
gend, an diejenigen die gesungen haben, die
ihre freude und ihren kampfgeist zum ausdruck
brachten. ich wende mich an den chilenischen
mann, an den arbeiter, an den bauern, an den
intellektuellen, an diejenigen, die verfolgt wer-
den, denn der faschismus zeit sich bereits seit
vielen stunden in unserem land: in den terror-
attentaten, in den sprengungen von brücken
und eisenbahnen, in der zerstörung von öl-
und gasleitungen. angesichts des schweigens
… (der mittlere satzteil wurde von bombende-
tonationen übertönt) … dem sie unterworfen
waren. die geschichte wird über sie richten
radio magallanes wird sicherlich zum schweigen
gebracht werden und der ruhige ton meiner
stimme wird sie nicht mehr erreichen. das macht
nichts. sie werden sie weiterhören, ich werde
immer mit ihnen sein und ich werde zumindest
die erinnerung an einen würdigen menschen
hinterlassen, der loyal war hinsichtlich der loya-
lität zu den werktätigen
das volk muss sich verteidigen, aber nicht op-
fern. das volk darf sich nicht unterkriegen oder
vernichten lassen, es darf sich nicht demütigen
lassen
werktätige meines vaterlandes! ich glaube an
chile und sein schicksal. es werden andere chi-
lenen kommen. in diesen düsteren und bitteren
augenblicken, in denen sich der verrat durch-
setzt, sollen sie wissen, dass sich früher oder
später, sehr bald, erneut die grossen strassen
auftun werden, auf denen der würdige mensch
dem aufbau einer besseren gesellschaft entge-
gengeht. es lebe chile! es lebe das volk! es le-
ben die werktätigen! dies sind meine letzten
worte und ich habe die gewissheit, dass mein
opfer nicht vergeblich sein wird. ich habe die
gewissheit, dass es zumindest eine moralische
lektion sein wird, die den treuebruch, die feig-
heit und den verrat verurteilt“
letzte rede des präsidenten dr. salvador allende
vom 11. september 1973, 11 uhr vormittags, ge-
halten im unter beschuss liegenden präsidenten-
palais „la moneda“ (santiago de chile), zeitweilig
noch von radio magallan übertragen. – quelle:
„blätter für deutsche und internationale politik“
nr. 11/1973
es wird geredet, dass
es eine schande ist;
darum
schweige ich, suchend
nach unzerstörten resten
von wahrheit
nach dem zusammenbruch des mailservers kam ein
datencrash auf der homepage wie sturzregen nach
einem verheerenden hagelschlag: komplett unnötig
noch schaufle ich die trümmer beiseite, klebe die letz-
ten scherben zusammen, hoffend, keinen splitter zu
übersehen; und ich bin erleichtert: the show goes on
ja, durchaus, sagt er
habe er die zeit
zu haben
gleichwohl
fehlten ihm hierfür
die finanziellen mittel
samstag, 08. august 2009
finissage zur sammelausstellung beim
ersten lichtenberger salonabend
siegfriedstrasse 206, berlin-lichtenberg
beginn: zwischen 18 uhr und 21 uhr
(am besten einfach rechtzeitig kommen)
sie: ach ja – wir haben eine kontaktsperre
er: was?!?
sie: ja
er: ab wann?
sie: weiss nicht. muss mal nachfragen
two of us. (we’re on our way home.)
du: fern und nah und der wellenschlag
wider den horizont, tonlos, ohne rast
auch mich hat sie erwischt, unüberseh- und un-
überhörbar: nein, keine einfache sommergrip-
pe, da muss schon mehr her. schweinedemenz
oder deutsche kartoffelfäule. oder kränkte mich
die unverschämteste parlamentsauflösung mei-
ner vieljährigen nichtwählerschaft bis zum fieber?
so oder so: meinen auftritt beim „erster lichten-
berger salonabend“ musste ich leider absagen …
– h., vor jahren, irgendwann –
als er anruft bin ich unkonzentriert, der rechner
muckt mal wieder, liegt wohl am regen, der lau-
ter rauscht, draussen, als mein tinnitus im kopf
wo soll das sein? ich bin auch in berlin, sagt er
aber ich kann die adresse nicht finden, der rech-
ner sabotiert mein auskunftsersuchen und geht
in feierabendruhe. ausserdem hab ich den kopf
weiss der geier mit tausend dingen voll, der ent-
scheidung für’s programm, terminen, unerledig-
ter post und – ich versuche so zu tun, als ob es
nicht wäre – eine von fieber begleitete erkältung
ich: aber ich hab eh keine zeit, muss gleich zu-
rückfahren; die verdammten termine, du weisst
er: na gut, du willst mich wohl nicht sehen …
wir legen auf. draussen hat der regen aufgehört
auf der suche nach einem liedtext finde ich ein
foto, irgendwann in heidelberg gemacht, als wir
noch ort und zeit fanden, uns ohne komplizier-
te verabredungen und arrangements zu treffen
es war ruhiger damals; aber das genügte nicht
foto: peryton-archiv
heidelberg, vielleicht 2006
die folgende glosse ist der sozialen gruppe der
specknackigen glatzköpfe gewidmet, von denen
einige exemplare in meiner nachbarschaft ein-
gezogen sind, von ungeduldigen kampfhunden
begleitet; dein neuer nazi nebenan. ja, liebe
mitbürgerInnen: wieder was zum weggucken!
im sauerländischen menden soll ein autofahrer
in einen festumzug gerast sein und dabei zahl-
reiche menschen verletzt, einige getötet haben
über die gründe seines verhaltens schweigt der
mann beharrlich. das ist nicht verwunderlich an-
gesichts der tatsache, dass er 79 jahre alt ist
und also im jahre 1930 geboren. damit gehört
er zu jener kriegsgeneration der deutschen, die
das schweigen gelernt hat. und auch das töten
es könnten durchaus die nachkommen dieses
verfahrenen autolenkers sein, die derzeit in
der provinz kundus, afghanistan, an einer mi-
litärischen grossoperation teilnehmen, die die
sogenannten „taliban“ – in der presse gerne
als „die aufständischen“ bezeichnet – aus die-
ser region „vertreiben“ soll: husch, husch –
wer jetzt nicht wegläuft, bleibt längerfristig tot!
an diesem einsatz zur sicherung deutscher in-
teressen im bereich des hindukush sind meh-
rere hundert deutsche soldaten beteiligt, die
schwere waffen einsetzen, auch den schützen-
panzer „marder“. es herrscht krieg in afghani-
stan, könnten wir sagen; aber nein: klare worte
mögen wir nicht. wir sind die kinder und enkel
die schweiger, mörder und ihre marder: alles
deutsch. na, liebe mitbürgerInnen? stolz drauf?
– pablo ardouin –
ein überraschungsbesuch; beinahe. genauer ge-
sagt ging die frage voraus: kannst du uns ein
plätzchen für ein paar tage urlaub vermitteln?
natürlich haben wir den abendwein gewürzt mit
alten geschichten und den alten träumen, wann
wir warum und wo … und ob wir endlich mal zu-
sammen spielen, wir wollten doch schon so oft
aber – um ein altes klischee zu bedienen und
zu bestätigen – musiker träumen gern und sie
versprechen viel, ist der wein nur reichlich, der
abend lang genug. dann wird jeder – zur not
auch man sich selbst allein – zum langjährigen
kumpel, zum treusten kumpan, zum geliebten
publikum, vor dem keine lüge ungelogen bleibt
foto: pablo ardouin
peryton-archiv
frankfurt, 14. märz 2005
doch, das schaffst du; geht ganz schnell: zahn-
bürste einpacken, rasierzeug dazu und los …
du arsch, sagt sie. und lacht
sie ist nicht gefahren. ein gedanke, ein kühler
hauch, ein schmetterling, vielleicht … sie blieb
das gesuchte lag näher als erwar-
tet und – so ist das oft – gesucht:
am herzen. jedenfalls beinahe
das ist purer kitsch, wie?
ja. schööön