Archive for 2007

[ achtzehnter tag ]

Freitag, Dezember 28th, 2007

„meine wünsche für das neue jahr“ – und dann den
namen, das datum

– und was, wenn ich keine wünsche habe?
– gar keine wünsche? keine vorstellungen, was im
neuen jahr an schönen dingen passieren könnte?
– nein. und keine wünsche

mein blatt bleibt leer. weiss. weiss wie weisses rau-
schen. oder wie die summe aller farben des lichts


[ fünfzehnter tag ]

Donnerstag, Dezember 27th, 2007

ein amphibischer tag, der ebenso enden wird, wie
er begonnen hat: mit roten krötenaugen, im ver-
borgenen. (kein tag zum reden, heute, sage ich.)


[ vierzehnter tag (II) ]

Mittwoch, Dezember 26th, 2007

kann
ein mensch aus
einander
brechen in
stücke
allein
weil er den anderen
vermisst


[ vierzehnter tag ]

Dienstag, Dezember 25th, 2007

froststarre kälte draussen. auf kurzen spazierwegen
nehme ich die kristalline schönheit winterkahler zwei-
ge wahr, auf denen sich das licht der trüben mittags-
sonne bricht, blinkend und blitzend, zündelnde lun-
ten feinsten eises; mein herz erreicht sie nicht

ausgestorben scheint das haus: das weihnachtsfest
lockt seine opfer in heimatliche depression zurück;
dennoch gibt es kaum stille, nicht wirklich platz, nicht
raum für rückzug und privatheit, meine einsamkeit. a-
bends, endlich, suche ich ein zimmer, in dem ich un-
gestört mit m. telefonieren kann

was hätt ich anderes ihr sagen können, damals, als:
ich möchte mit dir leben, frage ich und weiss, dass
wenn irgendwer, dann sie diese, meine welt verste-
hen kann, die fragen, schwierigkeiten und das ‚da-
mals‘ auch. (oder ehrlich gesagt: ich hoffe es.)

bevor die tränen unaufhaltbar werden, lege ich auf


[ dreizehnter tag ]

Montag, Dezember 24th, 2007

„mein dasein ist ein balanceakt auf der schmalen
linie zwischen der person, die zu sein man von mir
erwartet, und jener, die sich hinter ihrem äusseren
selbst verbirgt, um das alte tief in mir zu bewahren.“

(larry woiwock: ein stern, ein stein – staub)

es ist wohl angenehmer, über gras zu laufen als auf
asphalt, sagt sie, während sie, von kurzen pausen
unterbrochen, auf einer tastatur tippt, wenige zei-
chen nur, die pausen scheinen ihr bekannt, möglich-
erweise die verarbeitungszeiten eines datenverarbei-
tungsprogramms, vorgaben einer eingabemaske, na-
me des/der patienten/in, codenummer und so fort

auf meinen fragenden blick hin – unter behutsamer
drehung meines kopfes – gibt sie mir für einen au-
genblick ein lächeln. dann ist sie wieder dem bild-
schirm zugewandt: ich habe sie heute morgen vor-
beigehen sehen, unter den bäumen. und sie deutet
mit einem aufnicken zum fenster hin

was hat sie gesehen, denke ich – erschrecken, aber
ihr gesicht verrät nichts. einen moment lang hatte
ich mich beobachtet gefühlt, als ich den weg ver-
liess, um unter kiefern über moos und zweige zu
gehen, rauhreifbedeckt, um allein zu sein, um den
tränen ihren lauf lassen zu können, ohne dabei ge-
sehen zu werden, ohne nachfrage, ohne rechtfer-
tigung, ohne erklärung. ich war gegangen, um all-
ein zu sein

was in meinem kopf alles drinsteckt, wollen sie auch
nicht haben, sagt die frau zum bildschirm, dessen
bläuliches licht sie blasser erscheinen lässt; ihr la-
chen klingt unfroh und gibt ihren worten den schat-
ten einer erkenntnis, einem fremden menschen ge-
genüber ausgesprochen, den nicht mehr zu treffen
sie sicher ist. augen schliessen, sagt sie, und au-
gen wieder auf (- schweigen -) augen schliessen
(- schweigen -) und jetzt etwas kräftiger atmen

ich atme etwas kräftiger


[ elfter tag (II) ]

Sonntag, Dezember 23rd, 2007

n., in real life mir unbekannt, stellt sich auf, dreht
sich hin, zeigt sich her, posiert vor menschenhohen
spiegeln, die später mit tüchern abgehängt sind

und es überrascht mich nicht mehr, dergestalt im
traum besucht zu werden; ebenfalls in der heutigen
nacht: w. wir kochen, wir essen, wir kosten ein ge-
fühl von vergangenheit aus. ja, da ist ein bedauern
zwischen uns. keine trauer, nein, ein beiderseitiges
empfinden, wir hätten uns nicht genügt; dass wir
stranden mussten im zu flachen wasser

aufgewacht – aufgeschreckt – fühle ich diesem ge-
danken hinterher: peryton schreibt, ich schweige


[ elfter tag ]

Samstag, Dezember 22nd, 2007

„malen sie ihr erstes problembild“

taub sind meine hände, sie halten mein gesicht. das
weiss des papiers starrt mich an. die unterhaltungen
der anderen, ihre geräusche der betriebsamkeit, das
klappern und klirren ihrer pinsel in den wassergefäs-
sen macht mich bald wahnsinnig. doch dann: ein ro-
ter kreis. ein tunnel. ein glühender planet, azentrisch
in schwarzer unendlichkeit hängend. nach dem trock-
nen erscheint der flächige grund nur noch unregel-
mässig grau, zu den rändern hin ausgefranst, heller

– sie haben eine interessante form hineingemalt, dort
oben, sehen sie? beinahe wie ein engel. (eine stimme
aus der gruppe: oh ja, eine fee!)

– es sollte komplett schwarz werden; aber die zeit
hat nicht gereicht zum fertigpinseln
– es kommt nicht immer auf das bewusst hingemalte
an; machmal passiert so etwas unbewusst

tatsächlich: da, rechts oben; eine wässrige kontur
ist zu erkennen, ein phantomhaftes schemen, elfen-
gleich eine frauengestalt. gleichwohl: ich male keine
‚engel‘. zwei, drei sätze gehen hin und her, erwide-
rungen, mutmassungen; aber (auch) dieses problem
bleibt unaufgelöst. die stunde ist um


[ zehnter tag ]

Freitag, Dezember 21st, 2007

„où es-tu, chère amie? deine nähe wäre jetzt so
gut. es ist … schwierig. ich halte (mich) an er-
innerungen fest: glück und unglück zugleich. und
habe riesenprobleme mit dem, was ’normal‘ sein
soll – in jedem augenblick; dorthin kann, dorthin
will ich nicht. du fehlst hier und mir (auch) als
ein zärtlicher beweis für das leben“


[ achter tag ]

Donnerstag, Dezember 20th, 2007

„wir haben hier die vereinbarung, während der
dauer der therapie keine lebensentscheidenden
veränderungen vorzunehmen: keine heirat, kei-
ne scheidung, kein verlieben, keinen wohnungs-
wechsel“
– kurze pause – „und keinen suizid“

ich lache


[ sechster tag ]

Sonntag, Dezember 16th, 2007

im bad ist raum für traurigsein. heimlich. (sei leise.)


[ fünfter tag ]

Samstag, Dezember 15th, 2007

schliessen sie nun die hand, befiehlt eine unange-
nehme stimme, aussen. die hand schliessen, sagt
der kopf. fester. fester. halten. (es schmerzt.) lang-
sam öffnen. öffnen. ich kann nicht, sagt der kopf

loslassen, sagt der kopf. ich kann nicht loslassen
sagt der kopf. (ich kann nicht loslassen.) die hand
öffnet sich. etwas geht. etwas entweicht. etwas
geht hinaus. ich will nicht loslassen, sagt der kopf

(etwas geht mir verloren.)

loslassen. ich kann nicht. loslassen. (ich kann
nicht.
) tränen rinnen mir übers gesicht, lautlos

(ich will nicht, dass sie es sehen.)


[ einer fliegt über das kuckucksnest ]

Donnerstag, Dezember 6th, 2007

offline. out of time. not available. ab zehnten
dezember stationäres leben. to reset. to re-
boot. endlich vernünftig gegen alle vernunft


[ who is who ]

Mittwoch, Dezember 5th, 2007

was kannst du sagen, über dich, beim morgend-
lichen who is who, wenn dir der regen spiegel ist

und auch die pfützen, wenn dir die seele aus dem
leib zwischen die himmel-hölle-pflastertritte rinnt

ich schreibe mir das leben hin und in die lücken
lügen. ich weiss es – oder besser – nicht. ihr auch


[ nachbarschaften ]

Dienstag, Dezember 4th, 2007

„… und ich bin so nervös, wenn ich mir vorstelle
auf der bühne zu stehen … hast du mundharmo-
nika geübt? ich geb dir zwei monate … du musst
dir u_n_b_e_d_i_n_g_t mein neues lied anhören“

das buch liest sich auf den ersten seiten so müh-
sam, dass ich beschliesse, mich nicht weiter zu
quälen. zuklappen. ein schluck kaffee, schräger
blick zum nachbartisch, an dem eine frau auf ei-
ne zweite einspricht. „ich weiss gar nicht, was ich
anziehen soll. meine lackschühchen?“
sie hat ei-
nen asiatischen gesichtsschnitt, raucht in schnel-
len zügen, stösst ihre zigarette hektisch auf den
rand des aschenbechers. „… das schwarze kleid-
chen?“
längst habe ich begriffen, dass dies leben
besser ist als ein schlechter roman mit schlech-
ten rollen und schlechten dialogen. „ich möchte
nicht zu viele gecoverte sachen singen … meine
mammi hat sich voll gefreut“
. ja, so klingt das
wohl, wenn girlies grösser werden, wenn sie ihre
weissen stiefelchen gegen spitze schwarze tau-
schen, wenn sie ihren alkohol selber bestellen
dürfen – und wenn sie’s tun. „dann kommen alle
nur um m_i_c_h zu sehen“
. eine mischung aus
abscheu und dankbarkeit überfällt und über-
rascht mich. bin ich etwa neidisch? drei ampel-
phasen spiegeln draussen auf nassem asphalt
wieder. hinter der schwach beleuchteten scheibe
zu „peters treff“ sitzen unbewegte schemen an
einem hingedachten tresen, schräg darüber, im
zweiten stock, die silouette einer frau, eine lich-
terkette in ihr fenster klebend, notsignale ihrer
einsamkeit über den strassenwüsten dieser stadt

auch dort, denke ich, keine heimat. und: ich bin
neidisch – auf das grosse mass an kindlicher nai-
vität, die mir abhanden kam, zwischen den büh-
nen, in den pausen, zwischen dem geträumten
applaus und den nachbarschaften, die unaufhalt-
sam erwachsen wurden, fremd und vergessen


[ online. daytime. available ]

Sonntag, Dezember 2nd, 2007

ich weiss nicht, was du machen sollst, sage ich

eben hatte ich beschlossen, dass der tag begin-
nen muss, dass herumwälzen im bett keine pro-
bleme löst, dass die lösung nicht im träumen lie-
gen bleiben kann – und schaltete das telefon ein

online. daytime. available. ich weiss nicht, was
du machen sollst, sage ich. ihre fragen sind mei-
ne, beinah, fünfundzwanzig jahre kleiner sind sie

ohne heimat sein hat kein alter, kein land, keinen
grund und kein ufer. ich weiss es nicht, sage ich