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[ irreal ]

Samstag, Dezember 31st, 2005


 


an jedem dieser bahnhöfe habe ich bereits
auf dich gewartet. ich bin der dort sitzt, der
dort friert, der dort gespräche mit den tau-
ben führt oder mit fremden, die den fehler
machen, sich zu mir auf meine bank zu set-
zen. er wird ein teil meiner geschichte sein

 

die landschaft wird auf leinwänden vorbei-
gezogen, in strommastenschnitten flimmert
das bild, kino ohne ton in falschen farben

ich fahre nie mit dem zug; du kannst nicht
anhalten. erstes kapitel: marseille, zweites
kapitel aix en provence. drittes … aber du
kannst nicht anhalten. berge bilden kulissen
für bäume. für häuser. chalets. vorne bäu-
me, häuser, friedhöfe. dahinter landschafts-
hintergrundleinwand. immer so. niemals an-
ders

die häuser haben leere augen, scheinen
wintertot. tote gärten, tote hecken, tote stras-
sen. die dörfer am ende dieser strassen wer-
den von schienen berührt. aber du hälst dort
nicht an. aber du willst nicht wissen, wie die
luft schmeckt im ‹café à la gare› in nichts, wo
kein mensch wartet, einzig dein spiegelbild
in der getönten scheibe, das immer nur dir
selbst entgegenstarrt. du willst gar nicht an-
halten. deshalb fahre ich nie zug. deshalb ist
all das irreal

dass ich dir erzähle von mir und meinen rei-
sen. irreal. dass ich mich nach dir sehne. dass
dieses gefühl mich unruhig hält. irreal. dass ich
nicht auf dem weg zu dir und dennoch auf der
reise bin, immer weiter. dass ich dir erzähle
ohne dein ohr zu finden. oder dein herz. dass
ich erzähle dir, von dir, von mir, von augenblik-
ken, die niemals wirklichkeit gewesen sind aus-
serhalb meines erschöpfenden herzens

aber ich erkenne sie wieder: an jedem die-
ser bahnhöfe habe ich auf dich gewartet, ge-
stern, auf einer bank sitzend, und falls sich
ein reisender in meine nähe setzt, werde ich
von dir erzählen. werde anhalten, in den land-
schaften spazieren gehen wie in meiner erinne-
rung. werde erzählen von uns beiden, bis ich
ausgeschöpft bin, ein leerer bach bin, eine
blaue träne, ein vergessener tropfen atem
ganz nah an deinem mund, fortgeblasen
 

foto: gare maritime und port de la
joliette

marseille, 16. dezember 2005