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[ non, maman! ]

Freitag, Dezember 23rd, 2005

non. non. non … écoute: j’ai dit non, maman!

als ich den platz erreiche, höre ich erst sein
schimpfen, dann sehe ich ihn, auf und ab
laufend, ein ‹mobile› am ohr, sich mit jedem
ausruf energisch vorbeugend, als ob sie seine
worte dadurch besser verstehen könne und
wahrnehmen

ich schätze ihn auf ende dreissig. und strebe
an ihm vorbei einem strassencafé zu, vor dem
ein sonnenplatz frei geworden ist. bestelle ei-
nen kaffee, schlage das mitgebrachte exem-
plar der ‹flensburger hefte› auf, in dem rudolf
steiner, der begründer der anthroposophie zi-
tiert ist im wortreichen versuch, die steiner-
schen lehren vom geruch der unterstellten
nähe zum faschismus zu befreien


«Das französische ist das am wenigsten le-
bensfähige Element unter der romanischen
Bevölkerung Europas. Nun ist nicht zum we-
nigsten diese ganze Dekadenzerscheinung in-
nerhalb der französischen Volkskultur in der
Sprache deutlich bemerkbar [ … ] Sie wäre
diejenige, in der man, wenn ich mich paradox
aussprechen darf, in der ehrlichsten Weise
am leichtesten lügen kann. Sie eignet sich am
leichtesten dazu, dass man in der unbefangen-
sten, ehrlichsten Weise am meisten lügen
kann, weil sie keine rechte Verbindung mehr
hat mit der Innerlichkeit des Menschen.»

rudolf steiner (1923) – in: ‹flensburger hefte›, heft 41
(6/93), s. 18 f. flensburger hefte verlag: flensburg (1993)


«Korrumpiert wird die Seele ganz sicher durch
den Gebrauch der französischen Sprache.»

rudolf steiner (1923) – (op. cit., s. 87)

vermutlich, herr steiner-unter-der-erde-und-
das-ist-gut-so, liebt meine verlogen-verruchte
künstlerseele gerade diese sprache mit ihren
speziellen ausdrucksmöglichkeiten emotiona-
ler kraft. oder sollte ich mich – ihro deutlich-
keit wegen – anthroposophischer sprachbelie-
bigkeit dergestalt bedienen: der wesenskörper
dieser sprache formte sich aus in welten-geist-
es-lichter einswerdung von herzenswärme und
seelenklang …?

aber zurück ins leben: ich sitze im dezember
2005 vor einem strassencafé am cours julien
(marseille) und schäme mich für bis heute am
leben gehaltene worte eines irren rassisten


«Wir leben heute im 4. Formzustand des 4.
Lebenszustandes des 4. Bewusstseinszustan-
des, also im 172. Formzustand von 343 mög-
lichen. Dies ist genau die Mitte der gesamten
Welten- bzw. Erdenentwicklung. Jeder Form-
zustand birgt in sich wiederum 7 sogenannte
Wurzelrassen bzw. Hauptzeiträume. Inner-
halb des 172. Formzustands sind dies die po-
larische, die hyperboräische, die lemurische, die
atlantische, die heutige Wurzelrasse (nachat-
lantische, auch arische genannt) sowie eine
kommende 6. und 7. Wurzelrasse.»

wolfgang weirauch (1993) – (op. cit., s. 57)

manche sätze müssen zitiert, öffentlich ge-
macht werden, um sie im licht der öffentlich-
keit ihrer absurden lächerlichkeit preis zu ge-
ben

«wie» also – frage ich, den geistesführer zitier-
end, dem sich auf so unerklärbare weise men-
schen aller bildungsgrade selbst in der heuti-
gen zeit noch zu füssen werfen – «erlangt man
erkenntnisse der höheren welten?»

… monsieur? encore un café, s’il vous plaît! …