übergangsweise gilt eine neue telefonnummer
0049-175-8432672
übergangsweise gilt eine neue telefonnummer
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du hast geburtstag, heute, nicht wahr? fragte er u., der im
flur neben mir stand, der an seiner tür geklopft hatte, der
ihn, den nachbarn, zum frühstückskaffee einladen wollte
wirklich? natürlich hatte ich nicht daran gedacht, weil ich
nie an geburtstage denke, sie aus prinzip vergesse wie
namen oder texte, bevorzugt meine, meinen eigenen
doch ihn zu ehren stelle ich hier aus sein stilles lächeln
foto: u.
kiel, im dezember 2004
am heutigen freitag führe ich eine kleine exkursionsgruppe
in den tautenburger wald bei jena. thema: winterimpressio-
nen. diese erste exkursion führt in das naturschutzgebiet
’nsg gleistalhänge‘ und zeigt winterliche aspekte eines bu-
chenwaldes auf kalkgestein
wer sagt da: im winterwald ist alles tot und verrottet und
nichts mehr zu erkennen? ganz im gegenteil …
die nächsten exkursionen dieser kleinen reihe sind für
ende januar und anfang märz geplant, sie werden in den
treptower park (berlin) sowie ins elbsandsteingebirge
führen
… ja, manchmal holt einen die vergangenheit eben ein …
das kam eben per sms:
„Georg, wenn du uns nachher keine Poster mitbringst
lassen wir dich nicht rein! Peryton! Peryton! Peryton!“
aaaah – richtig: das hätte ich fast vergessen. verflixt. und
sofort fällt mir siedendheiss ein, dass auch er schon min-
destens zwei monate darauf wartet, dass ich ihm endlich
die versprochenen plakate und die buttons schicke …
beim stöbernden aufräumen fand ich dieses
bild. jetzt kriegst du es endlich zu sehen, niels
ja, sicher: fotos aus marburg sind zwangsläufig
langweilig, aber nicht alle sind zwingend uner-
bittlich
foto: n. vor dem marburger schloss
marburg, im märz 2005
sag doch etwas, schreibt sie und meint das freundlich, da-
von bin ich überzeugt. aber ich bin in eine achterbahn ein-
gestiegen und muss die luft anhalten, muss mich festhal-
ten, damit ich nicht stürze, muss zusammenhalten, damit
nicht davon fliegt, was fliegen kann, mütze, halstuch, jack-
entaschen sind schon leer, die worte fallen einfach aus –
bitte anhalten, bitte festhalten, bitte anhalten, bitte …
bitte. ich weiss nicht, was zu sagen bliebe, jetzt: die worte
sind gefallen
inkognito. das wort zerperlt mir auf der zunge, während
ich ein foto ausschneide. in – kog – ni – to. im kopf dehnt
sich das o zu einem langen atemzug. in – kog – ni – tooo
ich gebe preis: zwei augen. ihre augen. wovon ich träu-
me, kann ich doch erzählen? es ist der alte widerstreit
– ich streite. noch bin ich unsicher, wer eine beste aus-
sicht trägt auf sieg oder auf niederlage. finis terrae
ein zögern, dann: beides nicht wünschenswert. zu wün-
schen aber wäre eine reise: menschenland, unbekannt
foto: tangermünde, 25. oktober 2006
soll ich die hunde-episode wirklich noch erzählen?
sie ist doch schon vertagt … also: hinter der glä-
sernen eingangstür springt der hund auf, als er
mich bemerkt und kläfft, kläfft, kläfft. sie öffnet
die tür, das viech stürzt auf mich zu und lärmt oh-
ne unterlass. minutenlang. ich schaue ihn an
du machst ihm angst, sagt sie, wenn du ihn so
anstarrst. und gibt ihm endlich ein zeichen, ruhig
zu sein. augenblicklich: stille
ich bin ein mensch, ich starre, sage ich – drücke
ihr die mitgebrachten dinge in die hand und wen-
de mich zum gehen. gastfreundschaft fühlt sich
halt anders an
irgendwie fühlt es sich gerade
so an. alles ohne wehmut
(und ohne den schnee)
foto: oderbruch, 22. februar 2005
nun wäre die ruhe zum schreiben und der ort. weit genug
entfernt, genug zeit zu schlafen, ein ofen wirft unablässig
wärme aus und in der gemeinsamen küche quillt der run-
de tisch über von bestecken, tassen, aufgerissenen brief-
umschlägen neben einer vielzahl veganer leckereien. vor
dem fenster malt die sonne helle schatten auf rohe ziegel-
wände
die bilder finden keine wortwege hinaus und das taube
herz pumpt blut. würde mein kopf nicht ohne unterlass
durchspült vom rauschen des tinnitus, sagte ich: es ist
eine stille in mir
laufe ich in mir davon?
biermann, zu alter kollege, nun hast du dich adeln las-
sen, ans kreuz der feinde nageln lassen, endlich. lange
musstest du heulen, stimmgewaltiger heuler, bis sie
deine rosa seele einverleibten wie der teufel das weih-
wasser zur mitternacht
es ging das vergessen dir so leicht vom kopfe an die
brust, dass ich ein traulich lied gedrechselt aus geklau-
ten reimen, von ehedem, als deine zähne noch zu knir-
schen vermochten mit den ehrlichen worten. so glaub-
ten manche, damals
[ abgesang ]
du lass dich nicht einkaufen
in dieser kaufmannszeit
die allzu billig sind singen
die allzu willig sind hängen
hoch und fallen mit dem kniefall
ab in vergessenheit
(für wolf biermann, anlässlich der verleihung des
bundesverdienstkreuzes am 15. november 2006)
wenn ich nicht zuordnen kann, von wem ich geträumt
habe, macht mich das unruhig. am ende war ich mir
sicher, dass du das warst. wir beide auf einer reise
durch herbstliches land, barfuss, selbstverständlich
es ist der alte widerstreit in mir. lasse ich einen men-
schen in mein leben? lasse ich dich in mein leben? am
liebsten lebte ich ungestört weiter, als ob nichts pas-
siert sei; aber etwas ist passiert: ich habe geträumt
foto: ein riss in der fassade
tangermünde, 25. oktober 2006
er schaukelt ein wenig vor und zurück, seine hände liegen
gefaltet im schoss, während er erzählt. unter dem blauge-
streiften baumwollhemd, das ich als eines meiner alten
erkenne, zeichnet sich die kugelform seines bauches ab
der ist gewachsen, denke ich. und dann sehe ich mich dort
sitzen, hände im schoss gefaltet, die kugel haltend oder
meine hände auf ihr abgelegt und stelle mir den blick von
oben vor, auf diesen bauch unter blauen streifen. das ist
die frage, die mich im augenblick beschäftigt, sagt er und
ich sehe seine augen meine finden, der worst case, sozu-
sagen
ja, nicke ich, worst case
während wir durch den wald liefen, warf ich einen jäger-
hochsitz um. das geht einfach und schnell, wenn du ein-
mal gelernt hast, wie das gemacht wird. irgendwie war
das ganz normal für mich. die mich noch nicht kannten
schienen ein wenig verwirrt; aber wenn du erst einmal
gelernt hast, was als normal durchgehen kann …
foto: tangermünde, 26. oktober 2006
eigentlich frühstücke ich nie, sagt sie, macht einen letz-
ten zug und drückt die zigarette in den breiten schlund
des aschenbechers, stellt ihn dann vom bettrand auf
den fussboden, wischt mit dem handrücken tabakkrü-
mel vom laken. eigentlich trinke ich nur einen kaffee
dann lacht sie, stösst sich in die höhe, öffnet die von
grauer jalousie verhängte glastür weit und jubelt ein
fröhlich klingendes ‚hallo‘ gegen den kühlen morgen
ab sofort gilt eine neue telefonnummer:
0049-175-8432672
ich lache nicht gern, sagt sie
– zögern – es ist anstrengend
und sie lacht dabei ein wenig
als ihre freundin, gegenüber, anfängt sich zu ereifern
über den unsinn einer schulaufgabe, sich heiss redet
im gefühl der machtlosigkeit, gegen alle disziplin rot
wird im gesicht, zu schreien anhebt, letztlich, da hat
sie zu lachen begonnen und hat ihre hände vor’s ge-
sicht gehoben, die wangen haltend, erschüttert von
einem krampfhaften beben. sie beruhigt sich erst all-
mählich, nachdem ich sie in meine arme genommen
habe, mit leisen worten tröstend, ihr gesicht in der
kuhle meines halses geborgen
du erwartest antworten auf deine sms, nicht wahr?
das liegt mir nicht; ich schweige. vielleicht ist das
eine frage der generationen, dass mir die stifte nä-
her liegen, die linien ziehen, wasseradern gleich ü-
ber das papier, flusslandschaft meiner gedanken. o-
der eine tastatur, tribut an deine laute zeit
du wartest und ich schweige … gern. träumend (so-
fern du das noch wissen willst) schweigend, wan-
dernd in den tälern