ein schnappschuss … und dabei s. getroffen
foto: biblis, 29. april 2006
ich würde mit dir geredet haben. oder geschwiegen, vielleicht
wäre das gut gewesen, besser. manchmal reicht das. wie vor
einer tür angekommen sein und sie nicht öffnen. manchmal
genügt das, für dieses erste mal. später kommt. später hat
augen und einen mund
quel est ton nom? meine ersten worte in fremder sprache, vier
jahre alt war ich und das mädchen draussen auf der strasse
von irgendwo zu besuch. mehr als diese worte zu lernen fehlte
die zeit, ich lief heissköpfig hinaus und legte ihr mein herz zu
füssen: quel est ton nom?
ihren namen hörte und vergass ich. sie lachte hell, lief mit den
anderen kindern davon, der blonde wuschelkopf leuchtete, ich
schaute ihr nach, erstarrt, zu schüchtern, hinterherzurennen –
aber ich hatte sie gefragt. später kommt. später träumt. spä-
ter hat augen und hat einen mund
aus. jetzt wohnt die stille in der stadt. ton-
los starrt der handymann zur seite, hand am
ohr. ampeln stehn auf rot. selbstvergessen
popeln wartende in graumelierten nasen, ein
strichbaby macht gähnend feierabend: wei-
nerliche ficker sind die schlimmsten. wortlos
schiebt man currywürste übern tresen: keine
eile mehr. die totenstille nach den grossen
gesten
selbst der heisse wind scheint zu flüstern. er
schraubt sich in spiralen auf, packt erschöpfte
siegeswimpel, die gestern steif und strotzend
schwarzrotgoldne hahnenkämme waren, an-
geschwollen vor dem grossen kampf – aus. ‚wir‘
sind verloren. ‚wir‘ ham verspielt. ‚wir‘ lassen
aufgereckte arme wieder sinken: geschla-
gen. geohrfeigt. gemeuchelt. totgeschossen. ein
volk schleppt sich in trauer
und was in jämmerlichen resten sackt, herab-
hängt, nachschleift, in den gossen staubt, sieht
heute mehr denn gestern aus wie windeln, aus-
gebrauchte: der deutsche arsch hat blutig aus-
geschissen seinen stolz
part I
1. in jedem stück
2. natürlich [text]
3. und eine frühlingsbläue
4. mach nen punkt
5. dieses land [text]
6. spiessersong
7. da du gehen musst
8. gestern war es [text]
9. es ist noch nicht gelungen
10. wind von süd (evian)
11. monolog der erinnerung [text]
12. besse en chandesse
13. ne tirez pas!
part II
14. wenn ein tag beginnt wie jeder
15. manicalea
16. als ich bei dir war
17. jedesmal [text]
18. unter der asche
19. harte tage
20. feuer und rauch
21. mein herz
22. unser dilemma ist das schweigen [text]
23. das meer
24. trash behind your house
25. asyl
zugaben
26. mein vater war ein nazi
27. heut wein ich
28. sagt der wind
29. geh zu ihr
30. zwischen uns die jahre
31. kinderficker [text]
‚lesecafé‘, tangermünde, 30. juni 2006, 21:00 – 0:30 uhr
heute ist mutter-mit-kind-tag in kreuzberg, wollte
ich schreiben und stoppe, noch immer irritiert von
der feststellung, beinahe zwei wochen lang keinen
eintrag in mein notizbuch gemacht zu haben
leere eisbecher kippen von den tischen. wäre ich
aus pappe, auch ich würde mich treiben lassen, mit
dem sommerwind; allein schon wegen den hilflosen
menschenblicken hinterher
im haus gegenüber wohnt eine jugendfreundin. ich
habe ihren namen an der klingelleiste wiedergefun-
den. sie ist ahnungslos, da oben hinter irgendeinem
dieser hohen, gründerzeitlichen fenster, ob meiner
blicke hinauf. und sie soll ahnungslos bleiben
rechts ein kleiner park. schrundige holzbänke war-
ten im schatten gelb blühender bäume. die jenseits
der strasse, hinter dem damm der s-bahn-trasse
fruchten schon. es ist eine frage der art °, stelle ich
fest, genauer hinschauend
na siehste: die bastarde machen das leben erst
bunt – nicht einzig unter bäumen
° winter-linde (tilia cordata)
krim-linde (t. x euchlora)
informationsveranstaltungen in mannheim und heidelberg
zum geplanten bauxit-abbau in kashipur (indien)
„solidarität mit den adivasi aus kashipur (indien)!“
dienstag, 4. juli 2006, 19 uhr
jugendkulturzentum ‚forum‘
neckarpromenade 46, mannheim
mittwoch, 5. juli 2006, 19 uhr
hörsaal 3, neue universität
universitätsplatz heidelberg
mehr informationen: www.kashipur.info
wie an jedem ersten montag im monat wird auch heute
die ‚offene bühne‘ veranstaltet. wer nichts besseres zu
tun hat oder keine ausreden findet: hingehn. ich werde
auch dort sein … und – natürlich – spielen. ‚zimmer 16‘
(berlin-pankow, florastrasse 16). ab 21:00 uhr. der
eintritt ist frei
beinahe das schlimmste ist die auswahl eines neuen
programms. nein, ich spiele selten das gleiche. meist
entscheide ich mich für eine neue zusammenstellung;
aber dieses beschränken, dieses begrenzen-müssen
… es ist wie das zurücklassen von kindern an einem
bahnhof: ihr könnt nicht mitfahren, ihr werdet mir
fehlen. vielleicht werde ich unterwegs einen schreck
bekommen: es wird zu spät sein, der fehler ist getan
heute ist sonntag. heute wird sonntag sein. ich werde
langsam durch den görlitzer park gehen, vielleicht
die schwere kameratasche bei mir tragen, sofern
die sonne scheint, werde ein bestimmtes café auf-
suchen, einen tisch mit blick zur strasse finden und
dort mein buch aufschlagen: ruhe. den beifall nach-
klingen lassen. die schweren momente. und dann
den blick wieder nach vorne richten
danke sehr, lieber o., für deinen gruss
in meinem gästebuch. ich revanchiere
mich gern – anstelle einer langen rede –
mit einem foto. von dir
foto: biblis, 29. april 2006
schlagen die wellen von links heran
verglüht das land, brechen sie von
rechts her, rollen sie steine. dann
legt der sturm das schilf und unter
regenwutanfällen flieht die stille …
als wir fliehen mussten, schutz finden
in der nacht, als unser feuer zerstob
in knallenden funken – und wir ver-
loren uns, durchnässt, frierend und
der stürme müde, ohne schlaf
nein. ich nehme worte nicht zurück
nicht eines, in den gedankenbriefen
ausgedacht, damit sie ausgedacht
sind, auf den weg gebracht, aus-
gesetzt und sinnlos wie das wasser
an ein ufer schlagend, wieder und
wieder und wieder
foto: friedrichshafen, 21. mai 2006
das:
am kommenden samstag
den 01. juli 2006
sind peryton & albino gäste der
‚permakultur sommerakademie‘
sie reden über ihren veganen alltag
sie philosophieren über utopien
und sie spielen. gemeinsam
download: veranstaltungsflyer (pdf)
während patriotenhorden fernsehglotzen
stolz sind und unter bunten windeln kotzen
macht peryton musik fürs hirn – und für die
herzen, die weltoffen schlagen: kommenden
freitag im tangermünder ‚lesecafé‘. solo
es wäre zeit zuzugeben, dass ich das tempo nicht halten
kann. dass ich mich selbst überholt habe, beim davon-
laufen. dass ich in alte augen schaue, dass mir die worte
wegbleiben. dass mir die haare ins gesicht zurück fallen
die ich zur seite strich. dass ich gedanken fallen lasse
ohne bedauern. dass ich träume vergesse … das ist das
schlimmste, vielleicht. ja
sagen müsste ich, dass ich meine gründe habe. dass die
zeit selbst ein grund ist – ich will ihr die zeit lassen. sie
soll sich ausbreiten in mir, ohne dass ich ihr misstraue
(ich misstraue ihr. und die haare habe ich abgeschnitten
vor einem spiegel und bin diesem blick ausgewichen; ich
will ihn nicht sehen: heute keine vorwürfe mehr. nein)
mir ist der kopf wirr. aber ich kann wieder ruhig
atmen. was ist schon dabei, hatte sie gesagt, und
ich schrie vor zorn laut auf
vermutlich habe ich unrecht. unser streit ging
um das thema beschneidung, also etwas neben-
sächliches. belangloses. nicht wert der näheren
betrachtung; und – recht hast du – meine ansicht
ist irrig, dass auch die beschneidung von jungs
eine gewaltsituation sei, eine machtvolle über-
schreitung ihrer selbstbestimmungsrechte, die
selbst zu schützen, sie nicht in der lage seien –
was ist schon dabei, sagte sie
ich werde weiter darüber nachdenken, wenn mein
zorn sich gelegt hat. wenn ich leise worte finden
kann, dagegen
„Die Ablehnung der Richterin Spannagel-Scherr am Amtsgericht
wegen Besorgnis der Befangenheit durch den Angeklagten (…)
wird für begründet erklärt.“
(beschluss des heidelberger amtsgerichts vom 20. juni 2006)
somit ging diese runde zweifelsfrei an mich
es ist kaum zu glauben, aber diese person ist tatsächlich
wiedergekommen. ich kann nicht glauben, dass meine bei-
träge zum thema ‚universelles leben‘ derart missverständ-
lich waren …
falls ich dich ungerechtfertigt angreife, weil du eigentlich
hilfe suchst, um dich von dieser sekte zu lösen, dann ver-
zeih meinen spott und melde dich ‚richtig‘ bei mir. du wärst
nicht die erste aussteigerin, die wir auffangen und unter-
stützen, um mit vereinten kräften diese menschen und tiere
instrumentalisierende organisation anzugreifen und zu zer-
schlagen
komm und sieh selbst, hatte ich gesagt, ihn an der hand ge-
nommen, hatte ihn wenige meter weiter bis an den stamm
einer eiche geführt. wir blickten nach oben, wo ein himmel
blau durchs blätterwerk der krone sichtbar war
sie ist vielleicht schon hundertsechzig jahre alt. unter ih-
rem laubdach müsste dunkler schatten liegen, aber so war
es früher. sie wird das nicht mehr leisten. die menschen, die
du unbarmherzig kritisierst, haben kein erinnern daran, dass
ein baum sie schützt, bei regen. sie konnten das vielleicht
niemals erleben. sie wachsen auf im bild des kranken, ohne
zu wissen, wie der gesunde steht. sie wachsen auf im alltag
des zerstörten. willst du von ihnen nun erwarten, dass sie
an regeln der gewohnheit gehn und sie verstossen? dass
sie die ihnen unbekannten grenzen wahren? dass sie wert
schätzen, dessen wert sie nie zu schätzen lernten, dass sie
beschützen, dessen schutz sie nie gespürt – und dass sie
all dies lieben?
aber wo sollen wir dann anfangen? fragte er, auch seine au-
gen schauten fragend, verjüngt fast um sein ganzes leben
ja, mein alter freund, mein junger freund, wo greifen wir an?
vielleicht aber
ist meine traurigkeit
die tinte
sogar das fröhliche erinnert sich in
abendfarben. wie eine schale wein
die in der hand liegt, die, wenn zeit
sich vor dem einverleiben hindehnt
zu sprechen anhebt von den jahren
vielleicht aber
ist jede traurigkeit
mein wort
foto: friedrichshafen, 03. august 2005
copyrights: peryton & t. sommer ©
der eine der beiden zollpolizisten nahm meine brieftasche
die ich kurz zuvor auf der motorhaube abgelegt hatte, an
sich und begann sie zu durchsuchen
ich: ach, sie sind vermutlich der meinung, dass es sich da-
bei um das innere eines autos handelt? das lassen wir mal
schön bleiben. sie haben sich gründlich verirrt
er: ja, wenn das hier so rumliegt …
ich: ganz schön dreist, sowas. sofort her mit dem ding. das
gehört zu meinem wohnzimmer, zu meiner privatsphäre, in
der sie weder was verloren, noch was zu suchen haben. und
freiwillig würde ich sie niemals dorthin lassen
… und zupfte die brieftasche aus seiner hand
ich: wenn sie dann endlich fertig sind, können sie gehen. a-
ber vorher entschuldigen sie sich noch bei mir