Archive for 2006

[ nur eine postkarte ]

Sonntag, Dezember 10th, 2006


 

manchmal ist eine postkarte schneller als jedes gerücht
nicht wahr? und anscheinend genauso schockierend. das
war dann, stelle ich mir vor, ein wind von süd in deinem
leben, ein mächtiges rauschen, ein koffer-fallenlassen-
und-luftholen-müssen. vielleicht war das gut? da draussen
ist mehr als die persönliche einöde, das enge glück hinter
sieben siegeln, sommerdeichen, schlachtreifen schafen
und eigens fürs touristenauge aufgesetzten wellenkämmen
 

foto: tangermünde, 25. oktober 2006


[ lügen? lügen ]

Samstag, Dezember 9th, 2006

du magst das wort ‹lügen› nicht? ich wohl. es beisst. es
bringt auf einen spitzen punkt, auf dem die meisten we-
der stehen, vor allem aber nicht gesehen werden wollen

nein, ’schwindeln› ist nicht besser. klingt nur hübscher

und du meinst, ich nehme das zurück, nur weil du be-
teuerst, dass du ’nicht wissentlich› an den wahrheiten
drehtest, ein klein wenig hier und da, an deinen eigenen
und gern auch an denen der anderen? und: ja – selbst-
verständlich willst du dich nicht damit herausreden

das ist, das war es schon. ich schmunzle innerlich, wenn
ich dich mir vorstelle, dabei. nein, ’schwindeln› ist nicht
besser. aber es klingt wesentlich eleganter, madame

wenn ich dir verrate, dass es dich nicht unattraktiver
macht, im linken meiner unerbittlichen augen, bist du
mir dann böse? (im nächsten kapitel – versprochen! –
unterhalten wir uns über eitelkeiten. auch meine eignen)


[ der wind treibt wellen ]

Freitag, Dezember 8th, 2006


 

du fragst dich manchmal, wo ich bin? du fragst
zu selten, finde ich. die deiche sind ein wenig
hoch, der wind treibt wellen übers land und vö-
gel, die botschaften verlieren sich, das ohr wird
müde, hört es nichts; es phantasiert sich taub

im dunkeln sind die burgen einnehmbar, ver-
letzlich sind die türmer und fliehen können, die
im dunkeln leise sind
 

foto: tangermünde, 25. oktober 2006


[ promis kennen. (robin) ]

Donnerstag, Dezember 7th, 2006

wie hiess diese patientin noch, die sie zu mir geschickt
hatten? die habe ich im fernsehen gesehen, unten in spa-
nien, als wir im urlaub waren

ach?

ja. da haben sie einen film gebracht über berlin und die-
se leute, die bei lebensmittelketten weggeworfenes sam-
meln und verteilen …

containern, werfe ich ein, container-food

ja genau, sagt er. ich war so überrascht, dass ich aufge-
sprungen bin und auf den bildschirm gezeigt habe: das
ist meine patientin! wie hiess sie nochmal?

t., sage ich

so waren wir ins plaudern gekommen. unbeweglich lie-
ge ich rücklings auf einer weissen polsterpritsche, aku-
punkturnadeln stecken in meinem kopf, in meinen füs-
sen. später wird der brettharte nacken massiert, dass
mir beinah vor leidenschaft der speichel aus dem maul
rinnt, wie meinem kater in ausdauernden momenten
lustvollen geniessens, als er noch am leben war. doch
reden wir hier nicht über so alltägliches wie eine von
jägern erschlagene katze

eines morgens sass er verletzt im gebüsch vor unserem
haus
, jammernd, blutend aus zahlreichen löchern. weil
er zu überleben und zu bleiben entschlossen schien, un-
beeindruckt vom protest der katze, bekam er seinen na-
men: robin


[ stille. abschied ]

Mittwoch, Dezember 6th, 2006

und wie gehts dir sonst? (im hörer schweigt die stille kalt)

nnnjaaa. ich weiss nicht. gut. nein. ich will nicht lügen, sagt
sie, zögert, ich will nicht lügen. (die stille. zum sterben still)

das wort heisst abschied, denke ich. still, mein herz


[ ein bisschen wie ]

Dienstag, Dezember 5th, 2006

ihre augen sehen ein bisschen aus wie die von
xx und bringen mich dazu, sie anzustarren mit
dem blöden ausdruck des entrückens. zumin-
dest stelle ich mir das so vor, später, als mir
das ganze etwas unwirklich vorkommt, eine
begegnung, die nie stattgefunden hat. wir ken-
nen uns, denke ich. natürlich kennen wir uns
nicht

tief steht die sonne, grauer nebel legt sich auf
die scheiben, innen, ihre worte perlen auf wie
tau, fallen herab und treffen klingend auf mein
instrument

diese augen sind viel älter, was nicht sein kann;
dennoch glaube ich zu sehen, was ihn angehal-
ten hat, an sie zu glauben. mein eigener fehler
färbt mir manchen schlaf und manche tage


[ zweifel als prinzip ]

Montag, Dezember 4th, 2006

du zweifelst nicht? ich wohl. das ist gewohnheit mir, ist
mir prinzip geworden, jung – jünger? – zu bleiben, näher
dem, der schneidend schied, um in den scheidezeiten
mehr als eine lösung auszuwägen, mehr als einen sieg


[ da capo: to connect peryton ]

Sonntag, Dezember 3rd, 2006

übergangsweise gilt eine neue telefonnummer

0049-175-8432672


[ geburtstagsgruss ]

Samstag, Dezember 2nd, 2006


 

du hast geburtstag, heute, nicht wahr? fragte er u., der im
flur neben mir stand, der an seiner tür geklopft hatte, der
ihn, den nachbarn, zum frühstückskaffee einladen wollte

wirklich? natürlich hatte ich nicht daran gedacht, weil ich
nie an geburtstage denke, sie aus prinzip vergesse wie
namen oder texte, bevorzugt meine, meinen eigenen

doch ihn zu ehren stelle ich hier aus sein stilles lächeln
 

foto: u.
kiel, im dezember 2004


[ geobotanische exkursionen mit peryton ]

Freitag, Dezember 1st, 2006

am heutigen freitag führe ich eine kleine exkursionsgruppe
in den tautenburger wald bei jena. thema: winterimpressio-
nen
. diese erste exkursion führt in das naturschutzgebiet
’nsg gleistalhänge› und zeigt winterliche aspekte eines bu-
chenwaldes auf kalkgestein

wer sagt da: im winterwald ist alles tot und verrottet und
nichts mehr zu erkennen? ganz im gegenteil …

die nächsten exkursionen dieser kleinen reihe sind für
ende januar und anfang märz geplant, sie werden in den
treptower park (berlin) sowie ins elbsandsteingebirge
führen

… ja, manchmal holt einen die vergangenheit eben ein …


[ schon wieder vergessen … ]

Donnerstag, November 30th, 2006

das kam eben per sms:

«Georg, wenn du uns nachher keine Poster mitbringst
lassen wir dich nicht rein! Peryton! Peryton! Peryton!»

aaaah – richtig: das hätte ich fast vergessen. verflixt. und
sofort fällt mir siedendheiss ein, dass auch er schon min-
destens zwei monate darauf wartet, dass ich ihm endlich
die versprochenen plakate und die buttons schicke …


[ niels, marburg und die langeweile ]

Mittwoch, November 29th, 2006


 

beim stöbernden aufräumen fand ich dieses
bild. jetzt kriegst du es endlich zu sehen, niels

ja, sicher: fotos aus marburg sind zwangsläufig
langweilig, aber nicht alle sind zwingend uner-
bittlich

 

foto: n. vor dem marburger schloss
marburg, im märz 2005


[ die worte sind gefallen ]

Dienstag, November 28th, 2006

sag doch etwas, schreibt sie und meint das freundlich, da-
von bin ich überzeugt. aber ich bin in eine achterbahn ein-
gestiegen und muss die luft anhalten, muss mich festhal-
ten, damit ich nicht stürze, muss zusammenhalten, damit
nicht davon fliegt, was fliegen kann, mütze, halstuch, jack-
entaschen sind schon leer, die worte fallen einfach aus –
bitte anhalten, bitte festhalten, bitte anhalten, bitte …

bitte. ich weiss nicht, was zu sagen bliebe, jetzt: die worte
sind gefallen


[ terra inkognita ]

Montag, November 27th, 2006


 

inkognito. das wort zerperlt mir auf der zunge, während
ich ein foto ausschneide. in – kog – ni – to. im kopf dehnt
sich das o zu einem langen atemzug. in – kog – ni – tooo

ich gebe preis: zwei augen. ihre augen. wovon ich träu-
me, kann ich doch erzählen? es ist der alte widerstreit
– ich streite. noch bin ich unsicher, wer eine beste aus-
sicht trägt auf sieg oder auf niederlage. finis terrae

ein zögern, dann: beides nicht wünschenswert. zu wün-
schen aber wäre eine reise: menschenland, unbekannt
 

foto: tangermünde, 25. oktober 2006


[ episode mit hund ]

Sonntag, November 26th, 2006

soll ich die hunde-episode wirklich noch erzählen?
sie ist doch schon vertagt … also: hinter der glä-
sernen eingangstür springt der hund auf, als er
mich bemerkt und kläfft, kläfft, kläfft. sie öffnet
die tür, das viech stürzt auf mich zu und lärmt oh-
ne unterlass. minutenlang. ich schaue ihn an

du machst ihm angst, sagt sie, wenn du ihn so
anstarrst. und gibt ihm endlich ein zeichen, ruhig
zu sein. augenblicklich: stille

ich bin ein mensch, ich starre, sage ich – drücke
ihr die mitgebrachten dinge in die hand und wen-
de mich zum gehen. gastfreundschaft fühlt sich
halt anders an


[ ohne wehmut ]

Samstag, November 25th, 2006


 

irgendwie fühlt es sich gerade
so an. alles ohne wehmut

(und ohne den schnee)
 

foto: oderbruch, 22. februar 2005


[ weit und zeit ]

Freitag, November 24th, 2006

nun wäre die ruhe zum schreiben und der ort. weit genug
entfernt, genug zeit zu schlafen, ein ofen wirft unablässig
wärme aus und in der gemeinsamen küche quillt der run-
de tisch über von bestecken, tassen, aufgerissenen brief-
umschlägen neben einer vielzahl veganer leckereien. vor
dem fenster malt die sonne helle schatten auf rohe ziegel-
wände

die bilder finden keine wortwege hinaus und das taube
herz pumpt blut. würde mein kopf nicht ohne unterlass
durchspült vom rauschen des tinnitus, sagte ich: es ist
eine stille in mir

laufe ich in mir davon?


[ fotos konzert stendal 06. oktober 2006 ]

Donnerstag, November 23rd, 2006


 

– ein später nachtrag –


alle fotos lassen sich
– wie immer in diesem weblog –
durch anklicken vergrössern

 

fotos: daniel verdier (bass) & peryton (gesang/gitarre)
’sankt gertraud hospital›, stendal, 06. oktober 2006
aufnahmen: herbert otto (stendal)
copyrights: peryton & h. otto © (2006)


[ tot, der biermann. ein abgesang ]

Mittwoch, November 22nd, 2006

biermann, zu alter kollege, nun hast du dich adeln las-
sen, ans kreuz der feinde nageln lassen, endlich. lange
musstest du heulen, stimmgewaltiger heuler, bis sie
deine rosa seele einverleibten wie der teufel das weih-
wasser zur mitternacht

es ging das vergessen dir so leicht vom kopfe an die
brust, dass ich ein traulich lied gedrechselt aus geklau-
ten reimen
, von ehedem, als deine zähne noch zu knir-
schen vermochten mit den ehrlichen worten. so glaub-
ten manche, damals

[ abgesang ]

du lass dich nicht einkaufen
in dieser kaufmannszeit
die allzu billig sind singen
die allzu willig sind hängen
hoch und fallen mit dem kniefall
ab in vergessenheit

(für wolf biermann, anlässlich der verleihung des
bundesverdienstkreuzes am 15. november 2006)


[ eingerissen ]

Dienstag, November 21st, 2006


 

wenn ich nicht zuordnen kann, von wem ich geträumt
habe, macht mich das unruhig. am ende war ich mir
sicher, dass du das warst. wir beide auf einer reise
durch herbstliches land, barfuss, selbstverständlich

es ist der alte widerstreit in mir. lasse ich einen men-
schen in mein leben? lasse ich dich in mein leben? am
liebsten lebte ich ungestört weiter, als ob nichts pas-
siert sei; aber etwas ist passiert: ich habe geträumt
 

foto: ein riss in der fassade
tangermünde, 25. oktober 2006